Zehn erfolgreiche Wahlslogans

Kein Wahlkampf kommt ohne einen Slogan aus. Dieser soll die Inhalte des oder der Kandidatin beziehungsweise einer Partei möglichst prägnant transportieren. Das hört sich wesentlich einfacher an, als es ist. Hierüber beraten mitunter ganze Stäbe von Wahlkampfprofis. Nun ist ein guter Slogan längst nicht alles. Er ist nur ein Bestandteil des Wahlkampfs, aber ein wichtiger. Zwar kann man mit einem guten Slogan allein keine Wahl gewinnen. Aber er kann einen Wahlsieg entscheidend befördern, indem er dem eigenen Wahlkampf Schwung verleiht. Das muss übrigens nicht immer der „offizielle“ Wahlslogan sein. Mitunter entstehen während des Wahlkampfs griffige Schlachtrufe seitens der Anhänger oder in der Partei- oder Wahlkampfzentrale. Parteien bzw. Kandidaten sind dann gut beraten, diese inoffiziellen Slogans aufzunehmen und so den Schwung in den Wahlkampf zu tragen. Ein guter Slogan kann nur einmal verwendet werden? Falsch! Wenn es passt, können sogar 36 Jahre dazwischen liegen. Nur der gleiche Kandidat sollte einen Slogan nur einmal verwenden.

Anbei zehn Beispiele für besonders gelungene Slogans aus erfolgreichen Wahlkämpfen aus drei Ländern von völlig weltanschaulich unterschiedlichen Parteien und Kandidaten aus zwei Jahrhunderten:

1. „Keine Experimente“: CDU mit Bundeskanzler Konrad Adenauer bei der Bundestagswahl 1957: Im Jahr 1957 war Konrad Adenauer acht Jahre Bundeskanzler. Genauso lange existierte die Bundesrepublik Deutschland. Bei der dritten Bundestagswahl der jungen Republik stand viel auf dem Spiel. Der damals 81-jährige Adenauer verstieg sich sogar zu der Aussage, dass ein Wahlsieg der SPD den Untergang Deutschlands bedeuten würde. Bundeskanzler Adenauer hatte innen- und außenpolitisch wichtige Pflöcke eingerammt. Innenpolitisch ist hierbei vor allem die Einführung der Sozialen Marktwirtschaft zu nennen. Der wachsende Wohlstand in der Folge des sogenannten „Wirtschaftswunders“ machte diese zunehmend populär. Außenpolitisch hatte Adenauer mit der Westbindung des Landes das Ansehen der Bundesrepublik in Westeuropa und in Nordamerika erheblich gemehrt. Zum Ostblock waren die Beziehungen hingegen eisig. Dieser war, vor allem aufgrund der Roten Armee der Sowjetunion, eine Bedrohung. Adenauer und die CDU sahen durch einen Wahlsieg der SPD den wirtchaftlichen Aufschwung und die außenpolitischen Erfolge gefährdet. Das alles wurde in bezug auf die Wahl in zwei Worte zusammengefasst: „Keine Experimente“. Eine 1957 in Kraft getretenen Rentenreform brachte sehr vielen Rentnern erhebliche Zuwächse bei ihrer Rente. Sie partizipierten somit wie Arbeitnehmer und Arbeitgeber am wirtschaftlichen Aufschwung. Die Grundstimmung der Zeit war überwiegend positiv, es ging aufwärts. Das wollten die Wähler in ihrer überwiegenden Mehrzahl nicht aufs Spiel setzen. Mit 50,2% erhielten CDU und CSU das beste Ergebnis einer bundesdeutschen Partei bei einer freien Wahl überhaupt. Nie wieder davor und nie wieder danach erzielte eine Partei die absolute Mehrheit der Wählerstimmen. Zwei Worte hatten genau den Nerv der Zeit getroffen. Der erfahrene Steuermann Adenauer stand für einen außenpolitisch verlässlichen und wirtschaftlich erfolgreichen Kurs. Das wollte die Masse der Wähler nicht aufs Spiel setzen, sie wollte „Keine Experimente“, sondern weiter Wohlstand und Schutz vor der Roten Armee. Daher wählten die meisten Adenauer und die CDU/CSU.

https://www.hdg.de/lemo/bestand/objekt/plakat-konrad-adenauer.html

https://www.focus.de/politik/deutschland/neuwahl2005/adenauer-1957_aid_15814.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Keine_Experimente

2. „Willy wählen“: Inoffizieller Wahlslogan für die SPD mit Bundeskanzler Willy Brandt bei der Bundestagswahl 1972: Der offizielle Wahlslogan der SPD von 1972 war: „Deutsche, wir können stolz sein auf unser Land – Wählt Willy Brandt!“ Abgesehen davon, dass der patriotische Ton der SPD den einen oder anderen überraschen mag, war der Slogan viel zu lang. Viele begeisterte SPD-Mitglieder und viele Bürger außerhalb der SPD engagierten sich für die SPD und im Besonderen für Bundeskanzler Willy Brandt. Seine Persönlichkeit, sein Charisma und natürlich seine innenpolitischen Reformen und seine Ostpolitik, für die er den Friedensnobelpreis erhielt, mobiliserten die Wähler und freiwilligen Helfer in Scharen. „Willy wählen“ wurde zu einem geflügelten Wort, gerade unter jungen Leuten. Die Kampagne reagierte sehr geschickt und nahm den Slogan auf. Viele Buttons wurden damit produziert und gerade von jungen Menschen gerne getragen. Sie hatten einen erheblichen Werbeffekt. Nach einem überaus engagierten Wahlkampf voller begeisterter Helfer erzielte die SPD 1972 mit rund 46% der Stimmen das beste Ergebnis ihrer gesamten Parteigeschichte.

http://www.zeit.de/politik/deutschland/2013-07/wahlkampfzeiten-1972

3. „Freiheit statt Sozialismus“: CDU mit Kanzlerkandidat Helmut Kohl bei der Bundestagswahl 1976: Ein Slogan muss nicht allen Menschen gefallen. Er muss den eigenen potenziellen Wählern gefallen. Das beste Beispiel ist der Slogan der CDU von 1976: „Freiheit statt Sozialismus“. Die CSU verwendete ihn leicht abgewandelt: „Freiheit oder Sozialismus“. Kanzlerkandidat der CDU/CSU war damals Helmut Kohl. Kohl, später Bundeskanzler zwischen 1982 und 1998, war damals noch Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz. Der Slogan verursachte bei vielen Sozialdemokraten und Gewerkschaftern geradezu Wutanfälle und Ekel. Allerdings waren diejenigen, die sich daran störten, garantiert keine Anhänger der CDU. Auch viele Intellektuelle rümpften die Nase. Laut Meinungsumfragen war eine Mehrheit der Bundesbürger gegen den Slogan. Trotzdem war er politisch geschickt. Er polarisierte. Er mobiliserte so die eigenen Anhänger. Gleichzeitg drängte er die SPD politisch in die Defensive. Diese musste erst mal erklären, dass ihr demokratischer Sozialismus nicht mit dem real existierenden Sozialismus in der DDR gleichzusetzen sei. Sozialismus stehe nicht im Gegensatz zur Freiheit. Die CDU entgegenete, da müsse man sich nur die Berliner Mauer ansehen. Diese debatte war für die SPD kaum oder nicht zu gewinnen. Die CDU schob einen Begriff, nämlich „Sozialismus“ nach vorne, der für die SPD höchst unangenehm war. Im Jahr 1976 dachten unweigerlich an die Berliner Mauer. Da mochte die SPD noch soviel erklären, dass das nicht der Sozialismus sei, für den sie stehe. Aber diese Erklärungen wikrten kompliziert. Die CDU hatte sich hingegen geschickt in drei Worten sowohl vom Ostblock, im Besonderen der DDR und auch der SPD und der abgegrenzt. An einer Differenzierung war die Union natürlich nicht interessiert. Die Kampgane zog, die CCDU/CSU erhielt mit 48,6% ein sensationelles Ergebnis. Trotzdem reichte es ganz knapp nicht, den Kanzler zu stellen. SPD und FDP waren zusammen nur hauchdünn stärker als die CDU/CSU. In der SPD waren viele entsetzt, dass die Union und ihr Kanzlerkandidat Kohl so einen Erfolg hatten und deutlich vor der SPD und ihrem Bundeskanzler Helmut Schmidt landeten. Dass dieser ein überzeugter Anhänger der Sozialen Marktwirtschaft war, das war ein Manko des CDU-Slogans. Er wirkte jedoch in Abgrenzung zur DDR und zum linken Flügel der SPD und hier im Besonderen den Jusos, die bei vielen Bundesbürgern unpopulär waren, weniger zu Bundeskanzler Schmidt.

https://de.wikipedia.org/wiki/Freiheit_statt_Sozialismus

 https://ef-magazin.de/2009/11/23/1669-sozialismusforschung–freiheit-oder-sozialismus

 

4. „Labour Isn`t Working“: Tories mit ihrer Kandidatin für das Amt des Premierministers Margaret Thatcher bei der britischen Unterhauswahl 1979: Der Winter 1978/79 ging – frei nach Shakespeare – als „Winter of Discontent“, Winter der Unzufriedenheit, in die britische Geschichte ein. Zahlreiche Streiks verschiedener Gewerkschafter legten das Land immer wieder lahm. Teilweise wurde sogar der Müll nicht abgeholt, Leichen nicht bestattet. Das wurde der Labour-Regierung und ihrem Premierminister James Callaghan kritisch angelastet, da die Labour Party den meisten Gewerkschaften nahestand. Die gewerkchaftskritischen Tories mit ihrer Spitzenkandidatin Margaret Thatcher kündigten einen knallharten Anti-Gewerkschaftskurs an. Durch den „Winter of Discontent“ wurde diese radikale Politik populär. Thatcher und ihre Tories gewannen die Unterhauswahlen im Mai 1979 deutlich. Besonders erfolgreich war ein Wahlslogan in Verbindung mit einem geradezu genialen Plakat: „Labour Isn`t Working“. Neben den vielen Streiks war Großbritannien 1979 von hoher Arbeitslosigkeit und Inflationsrate betroffen. Das fasste der Slogan mit einem Plakat mit einer langen Schlange von Arbeitslosen mit einem Bild und einem Satz geradezu genial zusammen. Der Angriff war ein Frontalangriff auf die Labour-Regierung und traf den Nerv der Zeit. Die Menschen waren nun bereit zu einer Radikalrosskur. Sie waren bereit für Margaret Thatcher.

https://en.wikipedia.org/wiki/Labour_Isn%27t_Working

5. „It`s the economy, stupid“: Inoffizieller Wahlslogan für den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Bill Clinton bei der amerikanischen Präsidentschaftswahl 1992: Die Präsidentschaftswahl 1992 schien lange vorab entschieden. Amtsinhaber George Bush senior war noch 1991 hochangesehen. Die USA hatten den Kalten Krieg gegen die Sowjetunion gewonnen. Außerdem hatte die USA 1991 auch den Zweiten Golfkrieg gegen den Irak und dessen Diktator Saddam Hussein gewonnen. Der Republikaner Bush hatte sehr hohe Beliebtheitswerte. Zahlreiche prominente Demokraten wollten keine Schlappe riskieren und traten nicht in das Rennen um die demokratische Präsidentschaftskandidatur ein. Diese sicherte sich mit dem jungen Bill Clinton, Gouverneur aus dem kleinen Bundesstaat Arkansas, ein relativ unbekannter und junger Politiker. Oberflächlich betrachtet war das gegen den politisch erfahrenen Amtsinhaber Bush ein „mismatch“. Aber in der Politik ändern sich die Dinge schnell. Eine wirtschaftliche Rezession im Jahr 1992 machte Prösident Bush plötzlich zu schaffen. Seine Beliebtheitswerte sanken. Die niedergehende Wirtschaft wurde für ihn zur Achillesferse. Er versuchte mit seinen außenpolitischen Erfolgen gegenzuhalten, was aber seinen Niedergang beschleunigte. Dem wurde der Schlachtruf entegegengesetzt: „It`s the economy, stupid“. Frei übersetzt: „Es geht um die Wirtschaft, Dummkopf“. Das wirkte gegen Bush, der die wirtschaftlichen Nöte offenbar nicht begreifen wollte. Der Schlachtruf war eigentlich nur intern in Bill Clintons Wahlkmampfzentrale ausgegeben worden. Doch er wurde bald zum geflügelten Wort und schaffte es in die Medien. Dort half er Clinton und schadete Bush. Clinton gewann im November 1992 eine Wahl, die nur ein Jahr vorher noch aussichtslos schien.

https://en.wikipedia.org/wiki/It%27s_the_economy,_stupid

https://www.huffingtonpost.com/jerry-jasinowski/presidential-debates_b_8478456.html

 

6. „New Labour – New Britain“: Labour Party bei der britischen Unterhauswahl 1997 mit ihrem Kandidaten für das Amt des Premierministers Tony Blair: Tony Blair orientierte sich bei seinem Wahlkampf 1997 offen an Bill Clinton. Die Labour Party war seit der für sie verheerenden Wahl von Mai 1979 in der Opposition. 19 lange Jahre stellten die Tories den Premierminister. Immer wieder war Labour an seinem sozialistischen Programm gescheitert. Im Vergleich zogen dann viele Bürger doch lieber die Tories vor. Tony Blair hatte innerparteiliche Reformen durchgeführt. Er bekannte sich zum Ärger des linken Parteiflügels zur Marktwirtschaft. Er machte glaubwürdig deutlich, dass sich Labour unter seiner Führung verändert habe. Gleichzeitig hatten die Leute nach 18 Jahren Tories Lust auf etwas Neues. Diese Stimmung fassten Blair und die Labour Party in vier Worten zusammen: „New Labour – New Britain“. „New Labour“ gewannen die Unterhauswahl 1997 mit einem Erdrutschsieg. Dass Blair die hohen Erwartungen dann enttäuschte, das steht auf einem anderen Blatt. Aber sein Wahlkampf war erfolgreich und sein Wahlslogan perfekt. 1997 wollten die meisten einen Wechsel, aber eben kein zurück zu einer sozialistischen Labour Party – eben: New Labour – New Britain.

https://www.theguardian.com/books/2000/mar/03/extract1

 

7. „Innovation und Gerechtigkeit“: SPD mit ihrem Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder bei der Bundestagswahl 1998: Sehr ähnlich zum Wahlkampf von Tony Blair 1997 verlief der Wahlkampf der SPD nur ein jahr später nach der Bundestagswahl. Nach 16 Jahren Helmut Kohl sollte dieser endlich als Bundeskanzler abgelöst werden. Die Stimmung war ganz ähnlich wie in Großbritannien ein Jahr zuvor. Viele Wähler waren Helmut Kohl überdrüssig. Sie wollten den Wechsel. Vor allem zwei große Gruppen waren von Helmut Kohl sehr enttäuscht: Solche, die der Meinung waren, unter Kohl ginge es nicht gerecht zu, nur die Reichen würden profitieren. Andere waren hingegen der Meinung, unter Kohl herrsche Stillstand, es müsse sich etwas bewegen. Diese höchst widersprüchliche Erwartungshaltung fasste die SPD in dem Slogan „Innovation und Gerechtigkeit“ zusammen. Die „Kampa 98“ war sehr erfolgreich. Nach 1998 sollte die SPD nie wieder ein so gutes Ergebnis erzielen. Sie hatte beide Großgruppen, die höchst unterschiedlich waren, erfolgreich angesprochen. Zwanzig Jahre später jedoch hat die SPD mehr als die Hälfte ihrer Wähler von damals verloren. Schröder verprellte viele seiner Wähler von 1998. Nach der Schröder-Ära gingen der SPD noch mehr Wähler von der Fahne. Zugespitzt formuliert: 1998 band die SPD gegensätzliche Großgruppen mit unterschiedlicher Erwartungshaltung an sich. Inzwichen hat sie große Teile beider Gruppen verloren.

https://www.vorwaerts.de/artikel/kursdebatte-spd-lust-zukunft

8. „Yes We Can“: Inoffizieller Wahlslogan für den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama bei der amerikanischen Präsidentschaftswahl 2008: „Change we can believe in“ war der offizielle Wahlslogan des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama bei der Präsidentschaftswahl 2008. Doch kein Slogan wie die Formel „Yes We Can“, frei übersetzt, „Ja, wir schaffen das“. Obama verwendete sie zum ersten Mal Anfang 2008 in einer Rede in New Hampshire. Ironischerweise nach einer Vorwahl-Niederlage gegen seine innerparteiliche Rivalin Hillary Clinton. Das eigentlich über die Niederlage enttäuschte Publikum überschlug sich förmlich und ging begeistert mit. Obama wollte so die Enttäuschung zerstreuen und Hoffnung für die nächsten Vorwahlen machen. Zudem hielt er das seinen Kritikern, die sein Programm für „naiv“ hielten. Die Welt könne verbessert werden – „Yes We Can“. Der Slogan mobiliserte viele jugendliche Helfer, er entwickelte eine Eigendynamik. Obamas Wahlkampf gewann an Fahrt. Er gewann die Nominierung gegen Hillary Clinton und die Präsidentschaftswahl im November. Dass er viele seine Versprechen dann nicht umsetzen konnte, gab nachträglich den Skeptikern recht. Doch „Yes We Can“ blieb ein einfacher und unglaublich motivierender Slogan, was durch ein Lied, an dem viele Prominente mitwirkten, noch verstärkt wurde.

https://de.wikipedia.org/wiki/Yes_We_Can

 

9. „Arbeit muss sich wieder lohnen“: FDP mit ihrem damaligen Bundesvorsitzenden Guido Westerwelle bei der Bundestagswahl 2009: Bei der Bundestagswahl 2009 war die FDP außerordentlich erfolgreich und erzielte mit über 13% das beste Ergebnis ihrer Geschichte bei einer Bundestagswahl. Guido Westerwelle wurde Außenminister, womit sein politischer Abstieg begann. Das war aber 2009 noch nicht absehbar. Mit dem Slogan „Arbeit muss sich wieder lohnen“ hatte die SPD eine Vielzahl von Wählergruppen geschickt angesprochen. Sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer sowie Arbeitslose konnten sich davon angesprochen fühlen. Jeder konnte den Satz in seinem Sinne interpretieren. Die FDP wurde dann auch nicht nur von „Besserverdienern“ gewählt. Anders wäre ihr Ergebnis auch nicht erklärbar. Sie hatte unterschiedliche Wählerschichten angesprochen. Diese enttäuschte sie dann allerdings in den Folgejahren und stürzte bei der nächsten Bundestagswahl 2013 ab. Sie flog aus dem Bundestag. 2009 jedoch führte die Partei einen erfolgreichen Wahlkampf gegen die Parteien der Großen Koalition. Sie sammelte viele Wähler ein, die mit der Großen Koalition unzufrieden waren. 2013 waren dann allerdings viele dieser Wähler mit der FDP unzufrieden und es kam wieder zu einer Großen Koalition.

https://www.hdg.de/lemo/bestand/objekt/plakat-arbeit-muss-sich-wieder-lohnen-2009.html

 

10. „Make America Great Again“: Die Republikaner Ronald Reagan und Donald Trump bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen von 1980 bzw. 2016: Die USA hatte im Wahljahr 1980 viel zu verkraften: Die Inflation war sehr hoch, die Arbeitslosigkeit war es für amerikanische Verhältnisse ebenfalls. Neben der miesen wirtschaftlichen Lage war die Geiselbefreiung der amerikanischen Diplomaten, die dort vom Mullah-Regime festgehalten wurden, gescheitert. Präsident Jimmy Carter war die unglückliche Symbolfigur dieser Misere. Der republikanische Präsidentschaftskandidat Ronald Reagan versprühte Optimismus. Das Land könne es viel besser. Die derzeitige Misere werde überwunden. Dafür müssten die leute aber ihn, Ronald Reagan, wählen. Reagan trat mit einem harten Wirtschaftsprogramm, dass er den Amerikanern mit massiven Steuersenkungen versüßte. Diese kamen allerdings weit überwiegend der Oberschicht zugute. Aber die Unzufriedenheit mit Carter und der allgemeinen Misere half Reagan. Er gewann die Wahl deutlich. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft unter ihm als Präsident anstelle vom glücklosen Jimmy Carter hatte Reagan in vier Worte zusammengefasst: „Make America Great Again“. Der Slogan wirkte. Er verband Nostalgie und Aufbruch.

https://www.nbcnews.com/politics/2016-election/make-america-great-again-who-said-it-first-n645716

Im nächsten Jahrhundert, 36 Jahre später, profitierte auch Donald Trump als republikanischer Präsidentschaftskandidat vom genialen Slogan. Dieser verband erneut Nostalgie und Aufbruch. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft knüpften viele an Trump. Dafür stand auch der Slogan. Er war gleichzeitig eine Abrechnung mit der Ära Obama. Diese habe zum Niedergang der USA beigetragen. Das war zwar hochgradig unfair, da Obama von George W. Bush einen Scherbenhaufen übernommen hatte. Aber Wahlkampf trägt nie zur Differenzierung bei. Viele Analysten sahen in Trumps Abgrenzung zu Obama auch einen versteckten Rassismus gegen den ersten schwarzen Präsidenten das Landes. Trump bestritt dies, befeuerte aber rassistische Strömungen, in dem er fleißig das widerliche Gerücht mit verbreitete, Obama sei eigentlich in Kenia geboren worden und nicht auf Hawai, womit er kein rechtmäßiger Präsident wäre. Viele kritische Analysten übersetzten „Make America Great Again“ daher mit „Make America White Again“. Es wird nicht zu beweisen sein. Aber Trump profitierte definitiv von rassistischen Haltungen. Jene, in deren Augen die Präsidentschaft eines schwarzen Präösidenten ein Desaster war, fühlten sich vom Slogan natürlich angesprochen. Der Slogan war vielleicht unmoralisch und unfair, aber er wirkte. Er sprach viele Zielgruppen an, Trump gewann die Wahl gegen Hillary Clinton.

https://www.washingtonpost.com/politics/how-donald-trump-came-up-with-make-america-great-again/2017/01/17/fb6acf5e-dbf7-11e6-ad42-f3375f271c9c_story.html?noredirect=on&utm_term=.a96524c108b5

Fazit: Die Beispiele für gute Wahlkampfslogans waren sehr vielseitig. Sie deckten alte und junge Kandidaten, weibliche und männliche ab. Sie berücksichtigten verschiedene Länder und Jahrhunderte bzw. Jahrzehnte. Amtsinhaber und Herausforderer waren erfolgreich. Völlig unterschiedliche Parteien mit gegensätzlichen oder sehr unterschiedlichen Weltanschauungen waren in der Lage, enorm effektive Slogans zu entwickeln.

Bei der großen Vielseitigkeit der Slogans lassen sich aber ein paar Gemeinsamkeiten herausarbeiten:

  1. Ein Slogan muss kurz und griffig sein. Nur dann bleibt er den Leuten im Gedächtnis haften. Nur dann wird er auch von den Medien und vor allem den eigenen Anhängern und Wählern immer wieder wiederholt.

  2. Der Slogan muss zum Kandidaten beziehungsweise der Partei passen, die ihn verwendet. Slogans wirken nur, wenn sie einen komplexen Sachverhalt knapp und vereinfachend in ihrem Kern auf den Punkt bringen. Sofern das Image des eigenen Kandidaten oder Partei nicht zum Slogan passen, wirkt er nicht oder wirkt sogar kontraproduktiv.

  3. Im Idealfall grenzt sich ein Slogan auch vom politischen Gegner ab. Ein richtig guter Slogan schafft doppelte Identität: Anhänger und Wähler einer Partei bekennen sich sowohl zu ihrem Kandidaten und grenzen sich gleichzeitig vom politischen Gegner ab. Das wirkt enorm motivierend und hat einen hohen Mobilisierungseffekt. Griffige Schlachtrufe wie „Yes We Can“ sorgen zudem bei Wahlveranstaltungen für richtig Stimmung.

  4. Ein guter Slogan spricht die eigenen Wähler-Zielgruppen an. Er muss ihnen förmlich aus dem Herzen sprechen.

  5. Ein guter Slogan spricht eine möglichst große Gruppe, im Idealfall sogar mehrere Wählergruppen an. Richtig gute Slogans haben eine eigenwillige Mischung aus Klarheit und Offenheit. Beides schließt sich eigentlich aus. Aber manchmal lassen sich Sätze unterschiedlich interpretieren, „Ambiguität“ ist das entscheidende Stichwort. Bestes Beispiel ist der geniale Slogan „Arbeit muss sich wieder lohnen“. Eine klare und gleichzeitig unklare Aussage. Sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer können oder müssen sich vom Slogan angesprochen fühlen. Selbst Arbeitslose könnten sich von dem Slogan angesprochen fühlen. Für alle Zielgruppen enthält der Slogan eine klare Aussage. Und dennoch ist er offen für völlig gegensätzliche Interpretationen von unterschiedlichen Zielgruppen.

Die fünf genannten Punkte sind in den zehn Beispielen entweder alle berücksichtigt oder mindestens aber ein großer Teil davon. Alle zogen in ihrem jeweiligen politischen Kontext. In anderen Wahljahren hätte ein sehr guter Slogan dennoch keine Wirkung gehabt, wenn er nicht zu seiner Zeit gepasst hätte. Daher hat in den Beispielen auch immer das Timing gestimmt. In einem weiteren Artikel werden demnächst zehn Beispiele für besonders schlechte Slogans vorgestellt, die entweder völlig nach hinten losgingen oder mindestens dem Kandidaten und seiner Partei geschadet beziehungsweise nicht geholfen haben.