Mit der CDU und der Ehefrau nicht mehr auf Augenhöhe: Torsten Albig verspielt für die SPD den Wahlsieg in Schleswig-Holstein

Wer hätte das gedacht? Noch vor wenigen Wochen sah der noch amtierende Ministerpräsident Schleswig-Holsteins Torsten Albig (SPD) wie der sichere Sieger der Landtagswahl in Schleswig-Holstein aus. Sein CDU-Gegenkandidat Daniel Günther schien chancenlos. Er war erst Ende 2016 in den Wahlkampf eingestiegen, nachdem sich sein Vorgänger Ingbert Liebing als Spitzenkandidat überraschend zurückgezogen hatte. Günther startete aus einer scheinbar aussichtslosen Position ein halbes Jahr vor der Wahl und wurde kaum ernst genommen. Doch mit einem denkwürdigen Doppel-Interview zusammen mit seiner Lebensgefährtin verspielte Albig seine Wahlchancen. Günther machte einfach keine Fehler, das reichte.

 

Einfach nicht mehr auf Augenhöhe mit der Ehefrau

Albigs Interview erschien am 20. April, rund zwei Wochen vor der Wahl. Bis zu diesem Tag schien Albig der sichere Sieger zu sein. Sein CDU-Gegenkandidat strampelte sich ab, blieb jedoch in der Bekanntheit und in der Beliebtheit weit hinter dem Ministerpräsidenten aufgrund dessen Amtsbonus zurück. Mit großer Wahrscheinlichkeit wäre dies auch so geblieben, sofern Albig nicht das Bedürfnis verspürt hätte, den Wählern in einem Doppelinterview mit seiner Lebensgefährtin in der Zeitschrift „Bunten“ seine Ehe auszubreiten. Über seine Ehe sagte Albig: „Irgendwann entwickelte sich mein Leben schneller als ihres. Wir hatten nur noch ganz wenige Momente, in denen wir uns auf Augenhöhe ausgetauscht haben. Ich war beruflich ständig unterwegs, meine Frau war in der Rolle als Mutter und Managerin unseres Haushaltes gefangen.“

So begründete er die an sich private Trennung von 2016 nach 27 Jahren Ehe öffentlich. Albigs Beliebtheitswerte stürzten daraufhin zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt ab, nämlich ab zwei Wochen vor der Wahl mit steigender Tendenz. Politische Themen traten in den Hintergrund. Der Wahlkampf bekam plötzlich eine ganz eigene Dynamik.

 

SPD verliert vor allem bei älteren Frauen

Am Wahltag landete die SPD nur bei rund 27%, fast 5% hinter der CDU mit 32%. Zwar erhielt die SPD bei beiden Geschlechtern ähnliche Ergebnisse. Im Vergleich zur Landtagswahl 2012, wo sie bei Frauen überdurchschnittlich gut abgeschnitten hatte, musste die SPD vor allem bei älteren Frauen herbe Verluste hinnehmen, die wahlentscheidend waren. In der gleichen Altersgruppe legte die CDU nämlich stark zu. Das ist zwar kein Beweis, aber es liegt nahe, dass dies eine Abstrafung des Ministerpräsidenten für sein Interview war. Albig verlor überdurchschnittlich bei der weiblichen Altersgruppe im Alter seiner Ehefrau. Stärkste Partei wurde die SPD lediglich bei den jungen Wählern zwischen 16 und 34 Jahren. In der Direktfrage lag Günther in den Umfragen am Wahltag nur knapp hinter Albig, der in dieser Kategorie Günther lange deklassiert hatte. Albigs Amtsbonus war inzwischen aufgebraucht. Hiervon profitierte die CDU sowie andere Parteien.

 

Sechs Parteien im Landtag erschweren Regierungsbildung

Die Regierungsbildung wird sich voraussichtlich sehr schwierig gestalten. Das liegt natürlich vor allem daran, dass keine Zweier-Koalitionen möglich sind, außer einer Großen Koalition aus CDU und SPD, und dass die amtierende Dreier-Koalition aus SPD, Grüne und dem die dänische Minderheit vertretenden SSW abgewählt wurde. Eine Jamaika-Koalition aus CDU, FDP und Grüne scheint möglich. FDP (11,5%) und Grüne (rund 13%) dürfen sich beide mit hervorragenden Ergebnissen als Gewinner fühlen. Bei der FDP ist das Ergebnis wesentlich auf den Spitzenkandidaten Wolfgang Kubicki zurückzuführen, der sich in Schleswig-Holstein einen guten Ruf erworben hat. Ähnliches gilt für die beiden grünen Minister Monika Heinold und Robert Habeck. FDP bzw. Grüne profitierten also von ihrem profilierten Spitzenpersonal. Während die Piraten und die Linke aus dem Landtag flogen, zog in diesen die AfD mit knapp 6% ein. Der zwölfte Einzug der AfD in einen deutschen Landtag ist einerseits als Erfolg für die AfD zu werten. Andererseits blieben die Rechtspopulisten weit hinter den Ergebnissen der vielen Landtagswahlen des Jahres 2016 zurück. Da der SSW von der Fünfprozenthürde aufgrund einer Sonderregelung befreit ist, stehen sich im Kieler Landtag somit sechs verschiedene Fraktionen gegenüber. Neuer Ministerpräsident müsste Daniel Günther (CDU) werden.

 

Ende des Schulz-Effekts? Die Auswirkungen auf den Bund

Für die SPD im Bund ist die überraschende Niederlage Albigs ziemlich verheerend. Seitdem Martin Schulz SPD-Vorsitzender ist, hat die SPD beide Landtagswahlen verloren, im Saarland und nun in Schleswig-Holstein. Die Niederlage in Schleswig-Holstein schmerzt jedoch wesentlich mehr. So verliert wohl die SPD überraschend einen bis vor zwei Wochen vor der Wahl scheinbar unangefochtenen Ministerpräsidenten. Nur eine Woche vor der extrem wichtigen Landtagswahl in NRW könnte zudem der Zeitpunkt nicht schlechter sein. Dies verschafft der CDU auch in NRW Rückenwind. Sollte die SPD mit ihrer Ministerpräsidentin Hannelore Kraft auch NRW verlieren, dann stünde Martin Schulz vor einem gewaltigen Problem. Er hätte dann ein echtes Verlierer-Image. Umgekehrt profitierte Angela Merkel von zwei Wahlsiegen in zwei kleinen Bundesländern, ohne dafür viel tun zu müssen. Aus Sicht der CDU wäre ein Erfolg in NRW ein großer Triumph, Martin Schulz, der auch noch aus NRW kommt, wäre dann mindestens schwer angezählt. Ein weiteres Problem ist für Martin Schulz, dass die Schleswig-Holsteiner SPD sein Thema „Gerechtigkeit“ stark thematisiert hat. Die CDU setzte hingegen stärker auf das Thema „Sicherheit“. Die SPD-Slogans „Gerechtigkeit für alle“ und „Zeit für Gerechtigkeit“ verfingen offenbar nicht. Letzterer Slogan war zudem für eine Regierungspartei strategisch fragwürdig. Wenn es „Zeit für Gerechtigkeit“ ist, wer hat dann die letzten fünf Jahre den Ministerpräsidenten gestellt?

Die Wahlen im Saarland und in Schleswig-Holstein haben die politische Lage im Bund dramatisch gedreht. Der Schulz-Effekt scheint mindestens vorerst verpufft. Zudem stellt sich die Frage, inwiefern die beiden Niederlagen auch an Schulz hängen bleiben. Bei einer Niederlage in NRW am kommenden Sonntag wäre dies auf jeden Fall gegeben. Die CDU und Angela Merkel sind wieder im Aufwind. Zudem scheint die CDU mit dem Thema Sicherheit derzeit eher das Thema zu besetzen, was die Mehrheit der Menschen umtreibt. Die SPD unter Martin Schulz und im Besonderen die NRW-SPD mit der Ministerpräsidentin Hannelore Kraft stehen am nächsten Sonntag daher unter enormem Druck.