Ganz Europa hatte gezittert: Wird Marine Le Pen einen Überraschungserfolg landen können und zur Staatspräsidentin Frankreichs gewählt werden? Sie hatte angekündigt, in diesem Fall die Weichen so stellen zu wollen, dass Frankreich den Euro und die EU verlassen würde. Umso größer ist nun die Erleichterung, dass es hierzu nicht kommen wird.

 

Erdrutschsieg mit weinendem Auge

Macron siegte mit rund 66% der Stimmen gegenüber Le Pens knapp 34%. Die Wahlbeteiligung lag bei nur 74,3%, dem niedrigsten Wert seit 1969. Damit lag die Wahlbeteiligung aber wohlgemerkt höher, als zum Beispiel bei der letzten Bundestagswahl 2013. Macrons hoher Sieg lässt alle pro-europäisch denkenden Menschen aufatmen. Marine Le Pen war vom Elysee-Palast weit entfernt. Eines sollte aber nicht vergessen werden: Ihr Vater hatte 2002 in der Stichwahl keine 20% der Stimmen erhalten. Der damalige Staatspräsident Chirac deklassierte ihn. Le Pen erhielt mehr als ein Drittel der Wählerstimmen. Das zeigt, wie sehr sich die politische Lage in Frankreich und ganz Europa verändert hat.

 

Die Zahlen hinter den Zahlen

Vor allem gutsituierte Wählerinnen und Wähler verhalfen Macron zum Sieg. Le Pen punktete erwartungsgemäß bei ärmeren Bevölkerungsgruppen, die sich von den französischen Eliten nicht vertreten fühlen. Von beiden Kandidaten nicht vertreten fühlten sich 9% der Wählerinnen und Wähler, die zwar zur Wahl gingen, aber leere oder ungültige Stimmzettel abgaben. Ein starkes Votum gegen beide Kandidaten der Stichwahl, ein ungewöhnlich hoher Wert. Hinzu kam, dass die Wahlbeteiligung gegenüber dem ersten Wahlgang erheblich sank. Es ist davon auszugehen, dass vor allem Anhänger von Jean-Luc Melenchon überwiegend nicht zur Wahl gingen oder ungültig wählten. Die Wähler Francois Fillons dürften überwiegend Macron gewählt haben. Macron schnitt in den jüngsten und ältesten Wählergruppen am besten ab. Le Pen erzielte ihre besten Ergebnisse dementsprechend in den mittleren Altersgruppen. Nach Geschlechtern gab es geringe Unterschiede, Le Pen schnitt bei Frauen etwas besser ab als bei Männern. Macron punktete vor allem in größeren Städten, Le Pen holte ihre besten Ergebnisse zumeist in ländlichen Regionen. Lediglich in den beiden Departments Aisne und Pas-de-Calais siegte Le Pen. Macron war hingegen in den anderen 99 Departments erfolgreich.

 

Ein skeptischer Ausblick

Auch wenn die europäische Öffentlichkeit aufgrund der Niederlage Le Pens vorerst aufatmen kann: Macron tritt ein schweres Amt an. Frankreich ist gespalten, viele Probleme sind ungelöst. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Wirtschaft angeschlagen. Die Wettbewerbsfähigkeit des Landes ist zurückgefallen. Zahlreiche Terroranschläge haben das Land erschüttert. Der neue Präsident tritt also innenpolitisch eine sehr schwere Aufgabe an. Zudem ist fraglich, ob er bei den anstehenden Parlamentswahlen im Juni überhaupt eine ihm wohlgesonnene Zusammensetzung der Nationalversammlung erhält. Er hat keine der traditionellen Parteien hinter sich. Seine Bewegung „En Marche“ muss sich erst auf die Dauer beweisen. Außenpolitisch sind die Herausforderungen ebenso groß. Die Krise der Europäischen Union wird ihn ebenso fordern, wie die instabile Lage im Nahen Osten und in der Welt insgesamt.
Macrons Vorgänger Hollande ist an den diversen Problemen gescheitert. Macron darf nicht scheitern, sonst könnte Marine Le Pen in fünf Jahren doch noch der Einzug in den Elysee-Palast gelingen. Bis dahin hat jedoch Macron noch viel Zeit, Frankreich aus seiner Lethargie zu bringen und Reformen durchzusetzen. Die Erwartungen an den neuen Präsidenten sind hierbei genauso hoch wie die große Verantwortung. Macrons nachdenklicher Auftritt am Wahlabend trotz seines Wahlsieges zeigt jedoch, dass er sich dieser Herausforderung bewusst ist.