„Make america great again!“ Was immer man von Donald Trump halten mag – und bei allen Menschen, die soziale, humanitäre oder moralische Werte besitzen, kann das zwangsläufig nicht allzu viel sein – eines muss konstatiert werden: Er ist ein talentierter Wahlkämpfer und Marketingfachmann. Sein Slogan war eingängig und ist über die USA hinaus bekannt geworden. Er griff ein weit verbreitetes nostalgisches Gefühl in der amerikanischen (und keineswegs nur in dieser!) Gesellschaft auf.

„Früher war alles besser“

Dieser oft belächelte Satz trifft eine in den westlichen Gesellschaften weit verbreitete Stimmung. Enorme Veränderungen innerhalb der Gesellschaft und in der Wirtschaftsordnung ängstigen viele Menschen. Sie haben das Gefühl, abgehängt zu werden. Der rasante technologische Wandel lässt viele um ihre Arbeitsplätze fürchten. Hinzu kommt eine scheinbar völlig aus den Fugen geratene Welt ohne jede Ordnung und mit zahlreichen Terroranschlägen und Kriegen. Die scheinbar stabile Weltordnung des Kalten Krieges gehört schon länger der Vergangenheit an. Alles scheint in Frage zu stehen, die eigene Sicherheit, der Arbeitsplatz, die eigene Identität, die Identität des eigenen Landes. Mehr und mehr Menschen scheinen sich in diesen unsicheren Zeiten „starken“ Führungspersonen zuzuwenden, die einfache und klare Antworten geben und klare Grenzen ziehen, auch und gerade gegen Menschen, die anders sind. Ausgrenzung von Menschen dient wieder der Identitätsstiftung und vergiftet damit das politische Klima und gefährdet die demokratische Debatte, vielleicht sogar die Demokratie als Ganzes.

Globalisierung als Spaltpilz

Die wirtschaftliche Globalisierung hat die Welt näher zusammengeführt und gleichzeitig tief in Gewinner und Verlierer gespalten. Der deutlich forcierte Welthandel brachte ein steigendes Handelsvolumen und damit verschärfte Konkurrenz mit sich. In diesem brutalen Wettbewerb konnten viele Regionen nicht mithalten. In den USA gilt das zum Beispiel für den sogenannten „Rust Belt“, wo Donald Trump die letzten Endes für seinen Wahlsieg entscheidenden Bundesstaaten gewann. Viele Arbeitnehmer fühlen sich nicht als Profiteur, sondern als Opfer des Freihandels. Wirtschaftliche und politische Eliten forcieren in ihren Augen eine Politik, die die wachstumsstarken Regionen – in den USA zum Beispiel Kalifornien, in Deutschland zum Beispiel München, in Großbritannien zum Beispiel London – noch stärker machen und die gebeutelten Regionen abhängen. Hinzu kommt, dass sich viele Arbeitnehmer vom rasanten technologischen Wandel überfordert fühlen.

Die abgehobene Elite in den Metropolen reibt sich verwundert die Augen

Was haben diese wirtschaftlichen Entwicklungen mit Politik zu tun? Sehr viel! Während Hillary Clinton im boomenden Kalifornien haushoch gewann und Trump dort deklassierte, verlor sie die Wahl in Bundesstaaten wie Pennsylvania (zum Beispiel Stahl und Kohle), Michigan und Wisconsin (zum Beispiel Automobilbau). Alle drei Staaten haben seit den 1980er Jahren unter einem Niedergang der Industrie zu leiden, viele Arbeitsplätze sind verloren gegangen. Dies wurde zunächst den Republikanern negativ angelastet, inzwischen jedoch auch den Demokraten. Viele Menschen fühlen sich im Stich gelassen. Da Trump eben kein klassischer Republikaner und kein Berufspolitiker ist, konnte er hier bei vielen verzweifelten und verunsicherten Arbeitern massiv punkten und den Demokraten die drei Staaten zum ersten Mal seit den 1980er Jahren wieder abnehmen. Dies stellte sich als wahlentscheidend heraus! Und Großbritannien? Das liberale, reiche und weltoffene London votierte klar gegen den Brexit. Aber nahezu ganz England bis eben auf die glitzernde Weltstadt London stimmte für den Brexit. Den Metropolen bricht ihr Hinterland weg. Zudem kann sich selbst die Mittelschicht die Metropolen kaum noch als Wohnort leisten. München, London oder San Francisco sind so teuer, dass viele Normalverdiener die Stadt längst verlassen müssen. Es bleiben eine reiche Elite und Arme zurück, die von staatlicher Wohlfahrt leben. Die Mittelschicht bricht weg. Das hat zur Folge, dass sich die Eliten in den Metropolen tendenziell noch weiter vom Rest des Landes entfernen und abkapseln. Dass es im eigenen Land auch noch andere Menschen gibt, daran werden die städtischen Eliten dann sehr unsanft bei Wahlen erinnert. Das gilt sowohl für den Brexit als auch für den Wahlsieg Trumps. Beides waren auch Voten gegen die gesellschaftlichen Eliten in London bzw. in Washington, New York und San Francisco (Silicon Valley).

Stadt gegen Land

In nahezu allen westlichen Ländern gibt es einen sich verschärfenden Konflikt zwischen den Metropolen einerseits und den kleineren Städten und den ländlichen Gegenden andererseits. Hierbei geht es um die geschilderten harten wirtschaftlichen Gegensätze, aber keinesfalls nur um diese. Weltoffenen und multikulturellen Städten wie zum Beispiel London, New York oder San Francisco stehen abgehängte wirtschaftliche Regionen gegenüber, die billige ausländische Arbeitskräfte als Konkurrenz für die wenigen Arbeitsplätze in den ohnehin darbenden Regionen fürchten. Hinzu kommt Angst um die eigene nationale Identität, worüber die weltoffenen Städter nur lachen können, da sie gedanklich die Nation entweder längst hinter sich gelassen haben oder sie als neue multikulturelle und bunte Nation definieren. Zudem sind viele Städte atheistisch, in kleineren Städten und auf dem Land spielen traditionelle Werte und Religion meistens eine viel größere Rolle. Diese enormen wirtschaftlichen und kulturellen Gegensätze sind für zahlreiche demokratische Gesellschaften des Westens wie ein Pulverfass – in Großbritannien und den USA scheint es 2016 explodiert zu sein.

„Make america great again“

Trump hat sich – leider – diese Stimmung geschickt zunutze gemacht. Es war klar, dass er in Washington, New York, San Francisco, Philadelphia oder Chicago keine Chance haben würde. In der Tat holte Hillary Clinton diese weltoffenen Metropolen im schlechteren Fall mit „nur“ rund 80% der Stimmen, im besseren Fall mit sagenhaften 90% oder sogar über 90% der Stimmen! Trump triumphierte auf dem Land und in Kleinstädten. In der Summe lag Hillary Clinton bei den Stimmen vorne, aber eben nicht bei den wahlentscheidenden Wahlmännern. Viele von Trumps Wählern scheinen sich die 1980er oder sogar 1950er Jahre zurück zu wünschen: Da war die USA noch die Nummer 1 auf dem Planeten, wirtschaftlich in nahezu allen Branchen erfolgreich. Freihandel war keine Drohung, sondern eine Garantie für Wohlstand. Doch war diese Zeit wirklich so toll? Viel Negatives wird natürlich ausgeblendet. Die brutale Rassentrennung in den 1950er Jahren in Teilen der USA, die erst in den 1960er Jahren durch die Bürgerrechtsgesetze erfolgreich aufgehoben wurde, kann nur als beschämend bezeichnet werden. Daher ist die schwarze Bevölkerung vielleicht zu großen Teilen auch über Obama enttäuscht, aber sie ist keinesfalls nostalgisch. Die Nostalgie ist „weiß“. Kein US-Bürger mit schwarzer Hautfarbe und klarem Verstand würde sich die 1950er Jahre zurückwünschen. Ist das ein amerikanisches Phänomen? Eindeutig nein, wenn der Brexit betrachtet wird. Vielleicht möchten viele in Großbritannien insgeheim am liebsten das stolze Britische Empire wiederhaben, das größte Weltreich der Geschichte.

Bei weißen Arbeitern mischen sich häufig gleich mehrere Faktoren: Der eigene Arbeitsplatz und die eigene gesellschaftliche Stellung wird durch ausländische oder inländische Konkurrenz gefährdet, in Michigan zum Beispiel durch die deutsche oder japanische Autoindustrie oder neuerdings auch durch Tesla aus Kalifornien. Hinzu kommen Einwanderer aus Mexiko oder anderen Staaten, die in den USA um die verbliebenen Arbeitsplätze konkurrieren und häufig das Lohnniveau drücken. Zunehmend sieht man die eigene nationale Identität gefährdet. Außerdem ist die gesellschaftliche Stellung des eigenen Geschlechts bedroht, die Zukunft ist weiblich bzw. scheint es so. Wie überraschend ist es dann noch, dass Donald Trump hier so hervorragend gegen eine Frau abgeschnitten hat, wenn er zusätzlich gegen Freihandel, illegale Einwanderer und die abgehobene Elite in Washington wettert?

Weltoffene Länder als xenophobe Wagenburgen

Eine der traurigsten Entwicklungen des Jahres 2016 ist sicherlich, dass die historisch gesehen weltoffenen Länder Großbritannien und USA plötzlich Einwanderung als Bedrohung sehen. Sowohl beim Brexit als auch im amerikanischen Wahlkampf spielte das Thema Einwanderung eine zentrale Rolle. Die Kontrolle über die eigenen Grenzen wiederzuerlangen war für viele Wähler Trumps oder Befürworter des Brexit wahlentscheidend. Populistische und rassistische Töne schreckten hierbei nur die liberalen Eliten ab, nicht aber viele Arbeiter in den einstigen Industrieregionen. Da die USA von Einwanderern aufgebaut wurde, so ist dies eine bemerkenswerte und traurige Entwicklung. Allerdings kann niemand behaupten, sie käme völlig überraschend. Gleiches gilt für den Brexit. Wachsende Übergriffe auf Minderheiten in beiden Ländern sind Ausdruck eines vergifteten gesellschaftlichen Klimas.

Jung gegen Alt

Von der Nostalgie sind vor allem die älteren Generationen erfasst. Bei ihnen siegte Donald Trump und bei ihnen siegten die Brexit-Befürworter. Die jungen Generationen stimmten für Hillary Clinton und gegen den Brexit. Sie werden am längsten mit den Folgen der einschneidenden Entscheidungen des Jahres 2016 ihrer Landsleute leben müssen und wollten sie gleichzeitig am wenigsten. Insofern gibt es auch einen Generationenkonflikt.

Nostalgie ist ein gefährliches Gefühl. Egal, wie die 1950er- oder 1980er-Jahre beurteilt werden (in Wirklichkeit waren beide Jahrzehnte bei weitem nicht so toll): Zurück in die Zukunft gehen zu wollen, kann nicht die Lösung für die Probleme der Gegenwart sein. Das gilt für die USA und für Großbritannien, aber auch für alle anderen westlichen Länder. Es bleibt zu befürchten, dass die Nostalgiewelle aber noch lange nicht abebbt. Scharfe Grenzkontrollen, Protektionismus in der Handelspolitik, keine oder mindestens eine Reduzierung der Einwanderung, weg mit der Political Correctness und hartes Durchgreifen bei der Inneren Sicherheit scheint momentan weltweit ein Erfolgsrezept mit Ansteckungsgefahr zu sein. Bei allem berechtigten Ärger über die rechten Populisten und ihre markigen Sprüche: Das massive Versagen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Eliten, die sich mehr und mehr von der eigenen Bevölkerung abgekapselt haben, ist nicht mehr zu leugnen. Das gilt für einige demokratische Länder mehr, für andere weniger. 2017 wählen Frankreich und Deutschland. Hier werden die nächsten Angriffswellen von Rechtspopulisten auf liberale Eliten folgen. Kann wenigstens hier das Ruder noch herumgerissen werden?