Seriöse Wissenschaftler mit solidem Datenmaterial oder obskure Hellseher mit Blick in die Glaskugel? Erfolge und Pannen der Demoskopen

Vor jeder Wahl bzw. jedem Referendum spielen Umfragen für den politischen Diskurs eine entscheidende Rolle. Die verschiedenen Umfragewerte werden regelmäßig von den Medien aufgegriffen und verbreitet. Die Kandidaten/innen und Parteien werden ständig mit diesen Zahlen konfrontiert und sind entsprechend gezwungen, sich hierzu zu äußern oder sogar auf diese politisch zu reagieren. Umfragewerte kreieren somit eine politische Eigendynamik. Zudem konnten sie in vielen Fällen den Ausgang einer Wahl ziemlich präzise vorhersagen. In anderen Fällen jedoch lagen die Umfrageinstitute spektakulär daneben. Diese Fälle sind für den Artikel besonders relevant, da sie methodische Schwächen von Umfragen aufdecken.

 

Die berühmte Blamage des Literary Digest 1936

Die vielgelesene Wochenzeitschrift Literary Digest leitete 1936 ihren eigenen Niedergang ein. Im Vorfeld der amerikanischen Präsidentschaftswahl zwischen dem amtierenden demokratischen Präsidenten Franklin Delano Roosevelt und seinem republikanischen Herausforderer Alf Landon, dem Gouverneur von Kansas, führte die Zeitschrift eine sehr umfangreiche Umfrage zum Ausgang der Wahl durch. Trotz riesigen Aufwands lag die Zeitschrift so krass mit ihrer Prognose der Wahl falsch, dass dies die Glaubwürdigkeit des bis dahin beliebten und angesehenen Blattes nachhaltig erschütterte. Insgesamt rund 10 Millionen Wähler wurden angeschrieben von denen etwa 2,4 Millionen antworteten. Fast 60% der Antwortenden bevorzugten den republikanischen Herausforderer Alf Landon, dem die Zeitschrift deshalb einen hohen Wahlsieg vorhersagte. In den fünf vorhergehenden Präsidentschaftswahlen hatte die Zeitschrift den Wahlsieger – bei deutlich weniger Aufwand – korrekt vorhergesagt. Für die Republikaner erfolgreich verlaufene Gouverneurswahlen im September im US-Bundesstaat Maine machten einen republikanischen Wahlsieg bei den Präsidentschaftswahlen im November wahrscheinlich. Maine galt bis 1936 als Trendsetter für die Nation. „As Maine goes, so goes the Nation“ war eine vielzitierte und 1936 widerlegte Weisheit.

Tatsächlich siegte der Republikaner Landon zwar bei der Präsidentschaftswahl in Maine, wo große Unzufriednheit über Roosevelts Politik herrschte. Ansonsten jedoch stellten sich alle Prognosen als katastrophal falsch heraus. Die Nation wählte 1936 komplett anders als die Wähler in Maine und völlig gegensätzlich zum im Literary Digest vorhergesagten Ergebnis. Der amerikanische Präsident Roosevelt siegte mit einem riesigen Vorsprung, Landon wurde deklassiert. So erhielt der Präsident 60,8% der Stimmen, sein Herausforderer Landon nur 36,5%. Roosevelt erhielt unglaubliche 523 Wahlmänner, Landon nur ganze acht. Lediglich in den kleinen Neu-Englandstaaten Maine und Vermont konnte Landon den Präsidenten besiegen. Für den republikanischen Kandidaten war das Ergebnis ein Desaster. Für Präsident Roosevelt war es ein Triumph und eine Bestätigung seiner Politik des „New Deal“.

Die unglaubliche Blamage des Literary Digest kann dadurch erklärt werden, dass die Zeitschrift zwar einen riesigen Aufwand betrieb, aber überhaupt keine repräsentative Umfrage durchführte. Eine wesentlich kleinere Gruppe an Probanden hätte für die Zeitschrift weniger Kosten verursacht und gleichzeitig, wenn sie repräsentativ ausgewählt worden wäre, eine viel bessere Prognose des Wahlergebnisses ermöglicht. Der Literary Digest machte vor allem zwei grundlegende Fehler, aus denen Demoskopen lernen konnten: 1. Die Zeitschrift hatte die Anschriften für die von der Zeitschrift angeschriebenen Personen im Wesentlichen aus Abonnenten der Zeitschrift, KfZ-Verzeichnissen und Telefonbüchern entnommen. Der Besitz eines Telefons, eines Autos und eines Abonnements der Zeitschrift konnten sich 1936 – im Besonderen auch aufgrund der Folgen der Weltwirtschaftskrise – nahezu ausschließlich gutsituierte Haushalte leisten, die aber aufgrund ihrer wirtschaftlichen Interessen weit überwiegend republikanisch wählten. Erschwerend kam hinzu, dass auch von den Angeschriebenen eher die Personen mit einem noch höherem Einkommen antworteten, was das Umfrage-Ergebnis zusätzlich zu Gunsten von Landon verfälschte.

2. Die Befragung war freiwillig. Gegner des Präsidenten hatten eine stärkere Motivation, ihre Ablehnung des „New Deal“ kundzutun und dem Literary Digest zu antworten als Roosevelts Unterstützer, die mit seiner Politik zufrieden waren.

Im Gegensatz zum Literary Digest führte der junge Journalist und Werbefachmann George Gallup eine repräsentative Umfrage durch. Gallup befragte wöchentlich 2000 völlig unterschiedliche Personen aus allen Bevölkerungsgruppen in face-to-face-Interviews. Er sagte korrekterweise einen klaren Sieg für den Amtsinhaber voraus. Das war mutig, hatte der Literary Digest doch bis 1936 bisher mit seinen Prognosen immer recht behalten. Zudem nahm Gallup die viel kleinere Stichprobe, nämlich nur 50.000 Personen statt der 2,4 Millionen Menschen des Literary Digest. Also was bildete sich dieser junge Mann ein, es besser zu wissen als die renommierte Zeitschrift? Doch der Wahltag zeigte, dass er es tatsächlich deutlich besser wusste. Seine Methode erwies sich als deutlich überlegen.

Gallup legte mit seinem Erfolg wichtige Grundlagen für die Meinungsforschung. Der Begriff „Gallup-Umfrage“ wurde zu einem Synonym für eine präzise Umfrage, die wissenschaftlich fundiert ist und auf einer soliden statistischen Basis beruht. Die von ihm gegründete Gallup International Association ist bis heute eines der führenden Meinungsforschungsinstitute.


Heutige Probleme der Demoskopie

Das berühmte Beispiel von 1936 zeigt die Probleme der Demoskopie in ihren Anfängen. Gallups Erfolg bedeutete einen großen Schub für die moderne wissenschaftliche Meinungsforschung. Inzwischen wurden die Methoden beträchtlich verfeinert und weiterentwickelt. Trotz verbesserter Methoden bleibt es aber schwierig, Wahlergebnisse korrekt vorherzusagen. Das zeigte sich bereits 1948, als die Demoskopen erneut bei einer Präsidentschaftswahl vom Ergebnis überrascht wurden. Sämtliche Umfragen hatten den republikanischen Herausforderer Thomas E. Dewey, damals der Gouverneur von New York, vorne gesehen. Am Wahltag verlor dieser jedoch gegen den demokratischen Präsidenten Harry S. Truman, der von den Medien und den Demoskopen bereits abgeschrieben worden war. Methodisch hatten die Demoskopen gegenüber 1936 im Allgemeinen zwar dazugelernt. Den Stimmungsumschwung zu Gunsten des Amtsinhabers in den letzten Wochen vor der Wahl hatten sie aber nicht vorhergesehen. Da der Ausgang der Wahl klar schien, hatten diverse Medien Kosten gescheut und in den Wochen vor der Wahl erst gar keine Umfragen mehr in Auftrag gegeben. Während sich Trumans Gegner schon lange vor der Wahl sicher waren, für eine Ablösung des Demokraten zu stimmen, so gelang es dem Präsidenten offenbar, unentschiedene Wähler in den letzten Wochen vor der Wahl auf seine Seite ziehen.

Mit jedem Fehlschlag wurde die Wahl- und Meinungsforschung besser. Die Methoden wurden immer mehr verfeinert. Fehlprognosen wurden seltener. Dennoch wird es aktuell in den meisten westlichen Gesellschaften trotz ausgefeilter Umfragemethoden tendenziell wieder schwieriger, Wahlergebnisse korrekt zu prognostizieren. Hierfür können folgende Ursachen benannt werden:

  1. In nahezu allen westlichen Gesellschaften lösen sich traditionelle gesellschaftliche Milieus und feste Bindungen an Parteien mehr und mehr auf. Der Anteil der sogenannten Wechselwähler steigt an, die Anzahl der sogenannten Stammwähler wird kleiner.

  2. Große Teile der Bevölkerung haben sich vom demokratischen Prozess abgewandt. Sie gehen meistens gar nicht mehr zur Wahl. Sofern sie überraschend doch zur Wahl gehen, so ist ihr Wahlverhalten nur schwer zu prognostizieren.

  3. Die meisten westlichen Gesellschaften werden in der Zusammensetzung ihrer Bevölkerungsgruppen immer heterogener. Die unterschiedlichen Gruppen wählen oft gegensätzlich. Insofern müssen die Ergebnisse in verschiedenen Gruppen erst korrekt vorhergesagt werden, bevor für die gesamte Bevölkerung ein korrekter Umfragewert insgesamt hochgerechnet werden kann. Je heterogener die Gesellschaft, um so schwerer ist es meistens, Wahlergebnisse korrekt vorherzusagen.

  4. Die Anzahl der Briefwähler steigt tendenziell immer weiter an. Diese wählen in den sechs Wochen vor der Wahl. Innerhalb dieser sechs Wochen können jedoch große politische Veränderungen stattfinden. Briefwahlergebnisse und die Ergebnisse am Wahltag weichen häufig voneinander ab.

  5. Immer mehr Wählerinnen und Wähler entscheiden sich erst sehr spät, manche sogar erst in der Wahlkabine. Das macht es den Wahlforschern natürlich besonders schwer.

Abgesehen von den genannten Punkten haben alle Institute der Wahl- und Meinungsforschung mit einem grundlegenden Problem zu kämpfen: Sagen die Probanden die Wahrheit? Trotz geschickter Fragetechnik kann dies nicht immer vorausgesetzt werden. Das gilt besonders bei der Zustimmung für gesellschaftlich nicht akzeptierte Parteien oder inhaltliche Postionen. Rechtspopulistische Parteien wurden daher schon häufig in Umfragen unterschätzt. Zwar kann auch dieses Wissen in Umfragen berücksichtigt und eingespeist werden. Doch bleibt es gerade hier außerordentlich schwierig, korrekte Vorhersagen zu treffen.

Trotz aller Verbesserungen ist die Wahl- und Meinungsforschung keine exakte Wissenschaft. Eine gewisse Fehlertoleranz wird auch bei der besten Umfrage bleiben, diese muss auch offen angeben werden. Nicht desto trotz hat die Forschung seit dem Fehlschlag des Literary Digest von 1936 viel dazu gelernt. Allerdings wird sie fortwährend vor immer neue Aufgaben und Herausforderungen gestellt. Zudem bleiben die falschen Prognosen in der öffentlichen Wahrnehmung präsent, während die vielen korrekten Vorhersagen schnell als selbstverständlich abgehakt werden. Wahl- und Meinungsforschung bleibt also ein schwieriges Geschäft. Zudem tragen alle Demoskopen eine große Verantwortung, da mit ihren Zahlen Politik gemacht wird. Die Methoden der Umfragetechnik mögen sich ändern, aber das politische Gewicht von Umfragen wird bleiben.