Wohl niemand, außer ihm selbst, hätte zu Beginn der Wahlkampagne von Donald Trump dessen Erfolg in den republikanischen Vorwahlen für möglich gehalten. Sämtliche politischen Kommentatoren sowie das republikanische Partei-Establishment nahmen die Kandidatur des vermögenden Immobilienunternehmers nicht ernst – bis ihm seine Nominierung als republikanischer Präsidentschaftskandidat nicht mehr zu nehmen war. Lange sah es so aus, als könne er sogar Hillary Clinton in der Hauptwahl schlagen. Doch möglicherweise ist der neue Skandal mit alten Videoaufnahmen von 2005, in denen Trump vulgäre und frauenverachtende Äußerungen und Handlungen von sich gibt, der eine Skandal zu viel.

Ein Mann des Volkes“ mit Privat-Jet

Von Beginn an machte Trump für den politischen Analysten nahezu alles falsch, was man falsch machen kann: Er legte sich mit einer kritischen Journalistin von Fox News an, er beleidigte Minderheiten, gab serienweise sexistische Sprüche von sich, urteilte öffentlich über das Aussehen von Frauen und redete indirekt über die Länge seines Geschlechtsteils. Jeder Wahlkampfmanager muss bei dieser Aufzählung verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Doch erstaunlicherweise schadete ihm dies alles nicht oder kaum, im Gegenteil: Viele seiner Wähler nahmen ihn gerade deswegen als besonders volksnah und authentisch wahr. Was sagt dies über die USA und ihre politische Kultur aus? Eine unglaubliche Verrohung, die noch vor Jahren so undenkbar gewesen wäre, ist nicht zu leugnen.

Mit seinen rhetorischen Ausfällen gegen Muslime oder mexikanische Einwanderer sprach Trump vielen weißen Arbeitern oder Arbeitslosen aus der Seele, die sich in ihrer wirtschaftlichen Existenz zunehmend bedroht fühlen. Der Milliardär wählte dabei eine drastische Sprache und direkte und oft vulgäre Ausdrucksweise, die man eher an einem Stammtisch in einer billigen Kneipe, denn in einem Präsidentschaftswahlkampf vermuten würde. Doch genau diese Sprache brachte Trump bei vielen seiner Wähler den Ruf ein, ein Mann des Volkes zu sein. Besonders kurios war hierbei die Einschätzung eines Wählers, der sich daran erfreute, dass Trump in seinem Privat-Jet einen ganz normalen Cheeseburger gegessen habe, was seine Volksnähe verdeutliche. Vor lauter Cheeseburger trat hierbei der nicht ganz so volksnahe Privat-Jet in den Hintergrund.

Ablehnung des republikanischen Partei-Establishments

Im Establihment der Republikanischen Partei stieß Trump zunächst (und jetzt wieder nach dem aktuellen Skandal!) auf fast einhellige Ablehnung. Dies hatte im Wesentlichen drei Gründe:

  1. Trump ist ein politischer Außenseiter. Er gehörte weder dem Kongress an, noch ist er ein Gouverneur. Allein deswegen musste er bei den Arrivierten seiner Partei als politischer „Emporkömmling“ auf Ablehnung stoßen.

  2. Trump war politisch lange keinesfalls auf die Republikaner festgelegt. So hatte er zum Beispiel in der Vergangenheit auch Hillary Clinton Geld für ihre Wahlkampagne gespendet.

  3. Trump vertritt einige politische Positionen, die man nicht von einem Republikaner vermuten würde, sondern kurioserweise eher als „links“ einordnen würde. Das gilt zum Beispiel für seine protektionistischen Ansichten in der Handelspolitik, mit denen er bei vielen Arbeitern punktete. So lehnte Trump das geplante TTIP-Abkommen ab. Zu diesem ungewöhnlichen Sachverhalt schrieb zum Beispiel Jan Fleischhauer einen ironischen und lesenswerten Artikel.

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/wo-donald-trump-ein-linker-ist-kolumne-a-1092263.html

Seitdem Trump als republikanischer Kandidat feststeht, waren sowohl die ausgeschiedenen republikanischen Kandidaten als auch die führenden Funktionsträger der Republikanischen Partei überwiegend bemüht, sich mit Trump als ihrem Kandidaten zu arrangieren. Nach seinem neuen Skandal suchen viele allerdings nun wieder das Weite, wie zum Beispiel Paul Ryan, der Sprecher des Repräsentantenhauses. Trump versucht(e), seine ehemaligen Rivalen von sich zu überzeugen und auch mit den führenden Kräften seiner Partei eine gemeinsame Basis zu finden. Das entscheidende Bindeglied war und ist hierbei ein gemeinsames Feindbild.

Gemeinsames Feindbild: Hillary Clinton

Seit mehr als 20 Jahren ist keine Person in der republikanischen Parteibasis so verhasst, wie Hillary Clinton. Bereits in den 1990er-Jahren war die damalige First Lady bei den Republikanern noch unbeliebter, als der ebenfalls zum Teil maßlos bekämpfte demokratische Präsident Bill Clinton. Die selbstbewusste Ehefrau des damaligen Präsidenten passte nicht in das Weltbild vieler konservativer Wähler. Zudem war sie für ein bei den Republikanern besonders verhasstes Projekt federführend verantwortlich, nämlich für die damals angestrebte Gesundheitsreform. Clintons aktive politische Rolle als First Lady war für viele Republikaner ein rotes Tuch. Ihr letztendliches Scheitern bei der Gesundheitsreform bereitete vielen Republikanern die größtmögliche Genugtuung. Im Verlauf der Jahre verselbständigte sich der Hass der Republikaner auf Hillary Clinton, er entwickelte eine gefährliche Eigendynamik. Inzwischen hat sich die Abneigung gegen Clinton längst von ihren ursprünglichen Anlässen gelöst. Jeder neue Skandal oder jede neue Verfehlung – im Jahr 2016 die sogenannte E-Mail-Affäre – bestätigten das schlechte Bild über Hillary Clinton. Mögliche positive Aspekte, die das Bild auch nur relativeren könnten, werden nicht zur Kenntnis genommen.

Das gemeinsame Feindbild ist für Trump essenziell, um die eigene Partei hinter sich zu sammeln, gerade auch bei den vielen eigenen Skandalen. Trumps verschärfte Rhetorik gegen die demokratische Gegenkandidatin Clinton – zum Beispiel wegen der E-Mail-Affäre will er sie ins Gefängnis stecken, wie aktuell in der zweiten Debatte offen ausgesprochen – ist vor diesem Hintergrund ein (teilweise) schlauer Schachzug. Hierbei kann nahezu ausgeschlossen werden, dass Trump wirklich generell über Hillary Clinton ehrlich moralisch empört ist. Sonst hätte er ihr in der Vergangenheit kaum Geld für ihren Wahlkampf gespendet. Trumps Angriffe werden deshalb taktisch motiviert sein, aber es ist eine politisch kluge Taktik – jedenfalls auf den ersten Blick. Bedenklich für Trump ist der Zeitpunkt. Vier Wochen vor der Wahl scheint Trump damit beschäftigt zu sein, die eigene Basis bei der Stange zu halten, damit sie ihm aufgrund seiner Skandale nicht von der Fahne geht. Normalerweise sollte er jedoch vier Wochen vor der Wahl aus einer Position der Stärke um unentschlossene Wähler werben können. Hiervon ist er momentan aber meilenweit entfernt. Der Skandal von 2005 kam für Trump zur Unzeit ans Tageslicht. Er schadet ihm erneut bei Frauen, die die Mehrzahl der Wahlbevölkerung stellen. In dieser wichtigen Wählergruppe hatte Trump ohnehin bereits große Probleme, auch ohne die aufgetauchten Videobänder von 2005. Frauen könnten Donald Trump die Wahl kosten.

Wird Donald Trump der nächste Präsident?

Es gibt einige Faktoren, die für einen Präsidenten Donald Trump sprechen:

  1. Hillary Clinton ist bei der republikanischen Wählerbasis verhasst. Ungewollt könnte sie diese hinter dem sehr umstrittenen Kandidaten Trump am Wahltag vereinen, trotz aller Trump-Skandale.

  2. Selbst in der eigenen Partei ist Hillary Clinton grundsätzlich umstritten. Das lange Vorwahlrennen gegen den zum Beginn des Wahlkampfes noch völlig unbekannten Senator Bernie Sanders muss ihr zu denken geben. Es ist sehr erstaunlich, dass es eine langjährige First Lady, Senatorin und Außenministerin nicht schaffte, einen mindestens am Anfang national völlig unbekannten Senator aus dem winzigen Bundesstaat Vermont nicht problemlos aus dem Feld zu schlagen. Dies hängt damit zusammen, dass auch viele Demokraten Hillary Clinton als zu machtbewusst und aufgrund ihrer Wahlkampfgelder von der Wall Street auch als wenig glaubwürdig wahrnehmen. Sanders war für sie die aufrechte Alternative, der nicht von der Wall Street finanziell abhängig war. Doch Clinton setzte sich gegen Sanders durch, wenn auch knapp. Zudem schaffte sie es geschickt, Sanders als ihren Unterstützer zu gewinnen und sie setzt ihn aktuell sogar im Wahlkampf ein, besonders in Universitätsstädten. Trotzdem werden nicht alle Sanders-Wähler automatisch deswegen Hillary Clinton wählen.

  3. Trump spricht die Emotionen vieler frustrierter weißer Wähler an. Er kennt und fühlt ihre Ängste und verleiht ihnen Ausdruck. Diese Ängste beziehen sich auf China, Mexiko, Muslime, Schwarze oder Latinos. Die Angst vor dem sozialen Abstieg im Zeitalter der Digitalisierung und Globalisierung ist weit verbreitet. Trump verleiht den Deklassierten oder jenen in der Mittelschicht, die genau davor Angst haben, eine Stimme.

Trotzdem gibt es einen entscheidenden Faktor, der dafür spricht, dass Hillary Clinton die erste Präsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika werden wird: Die Demografie des Landes! Bei den republikanischen Vorwahlen war eine Bevölkerungsgruppe krass überrepräsentiert: Trumps Bevölkerungsgruppe, weiße Männer. Trump präsentierte sich als deren Kandidat, als einer von ihnen. Die Taktik ging auf, ihm wurde seitdem jeder Skandal von dieser Wählergruppe verziehen. Doch warum sollten Frauen, Latinos und Schwarze Donald Trump wählen? Dafür haben diese Bevölkerungsgruppen keinen Grund, Frauen am allerwenigsten. Nach seiner Nominierung hat Trump es nicht geschafft, bei diesen Gruppen Boden gutzumachen. Im Gegenteil: Der Skandal mit Trumps sexistischen Äußerungen verschlechtert seine ohnehin schwache Position bei Frauen noch weiter. Es ist unwahrscheinlich, dass Trump in den genannten Bevölkerungsgruppen bis zum 8. November in nur vier Wochen sein Ansehen noch verbessern kann. Genau das muss er jedoch erreichen, wenn er zum neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt werden will, mindestens bei Frauen. Ihm rennt jetzt aber die Zeit davon. Ohne Latino-Wähler und ohne die schwarze Bevölkerung hätte Trump rechnerisch sogar trotzdem Präsident werden können, auch wenn es schwer geworden wäre. Aber ohne Frauen (zusätzlich auch noch zu den anderen Gruppen) geht es definitiv nicht. Daher spricht viel dafür, dass Trump im November an den Bevölkerungsgruppen scheitern wird, die er im Vorwahlkampf und aktuell beschimpft und vulgär beleidigt hat, ganz besonders an der weiblichen Bevölkerung. Was ihm bei den Vorwahlen nicht nur nicht geschadet, sondern sogar genutzt hat, kann ihm jetzt auf die Füße fallen, verschärft durch den aktuellen Video-Skandal. Die aktuellen Attacken auf Bill Clintons Sex-Affären, um den eigenen Skandal zu verdrängen, werden Trump wohl eher wenig helfen, da Bill Clinton nicht zur Wahl steht.

Hillary Clinton hat eine größere Koalition an Bevölkerungsgruppen hinter sich. Sie wird die Wahl gewinnen, wenn es ihr gelingt, diese Gruppen in ausreichender Zahl zur Wahlurne zu bringen. Dies ist gleichzeitig ihre potenzielle Achillesferse: Die Heterogenität ihrer Wähler/innen-Gruppen, die sie alle ansprechen und mobilisieren muss, was eine anspruchsvolle und schwierige Aufgabe ist. Gleichzeitig ist das aber auch ihre Stärke: Sie liegt bei weißen Männern deutlich hinter Trump, aber sonst überall deutlich vorn. Ungewollt hat Donald Trump ihr für ihre Wähler/innen-Mobilisierung bereits viel Unterstützung geliefert, gerade jetzt noch mal nur vier Wochen vor der Wahl. Der größte politische Gegner von Donald Trump ist ironischerweise er selbst.