Haben Sie schon mal etwas von Iowa oder New Hampshire gehört? Vielleicht, mindestens der eine oder andere Bundesbürger. Aber möchten Sie mal dahin? Diese Frage würden wahrscheinlich fast 100% Bundesbürger mit „Nein“ beantworten. Doch wer sich mit den US-Vorwahlen befasst, der darf sich zunächst nicht mit den berühmten, bevölkerungsreichen und als Reiseziel beliebten Kalifornien, Texas, Florida oder New York befassen, denn Iowa und New Hampshire sind für die US-Vorwahlen deutlich wichtiger. Absurd?

Dieser Sachverhalt klingt in der Tat absurd, genau genommen ist er das auch. Doch in den beiden kleinen Bundesstaaten im Mittleren Westen (Iowa) und im Nordosten (New Hampshire) beginnt traditionell der amerikanische Vorwahlzirkus zu den amerikanischen Präsidentschaftswahlen, die alle vier Jahre stattfinden. In Iowa und New Hampshire werden alle vier Jahre Trends gesetzt, die in den nächsten Bundesstaaten nur noch schwer zu brechen sind, sofern die Kandidaten bei den ersten beiden Vorwahlen schlecht abgeschnitten haben. Fragwürdig ist hierbei, dass sowohl Iowa als auch New Hampshire nicht nur wenig Einwohner haben, sondern in der Zusammensetzung ihrer Bevölkerung in keiner Weise für die bunte USA repräsentativ sind: So sind in beiden Bundesstaaten Minderheiten krass unterrepräsentiert, fast die komplette Bevölkerung sind europäischer Abstammung und haben eine weiße Hautfarbe (Iowa knapp 90%; New Hampshire über 90%).

Je früher in einem Bundesstaat gewählt wird, um so eher kann er den Ausgang des Vorwahlrennens beeinflussen. Das hat zu der kuriosen Entwicklung geführt, dass viele Bundesstaaten ihre Wahltermine immer weiter nach vorne gelegt haben. Viele Bundesstaaten kamen sich hierbei regelrecht in die Quere. An sogenannten „Super Tuesdays“ finden ebenfalls häufig Vorentscheidungen statt. Hierbei handelt es sich um Wahltage, an denen besonders viele Bundesstaaten gleichzeitig wählen. Wahlen finden in den USA, das gilt jedenfalls für die meisten Bundesstaaten, traditionell immer dienstags statt.

Wie funktioniert das amerikanische Vorwahlsystem? Genau genommen ist bereits die Frage falsch. Es gibt nämlich kein amerikanisches Vorwahlsystem. Jeder Bundesstaat wählt nach seinem eigenen Vorwahlsystem. Dies müssen zudem keineswegs übliche Wahlen mit Zettel und Stift sein. So findet in Iowa ein sogenannter „Caucus“ statt. Bei diesem müssen die Wähler keinen Stift benutzen, sondern für ihren Kandidaten zum Beispiel in eine bestimmte Ecke des Raumes gehen. Dann wird die Anzahl der Personen gezählt. Alle Wähler müssen sich dafür erst mal zu den Wahlzeiten gemeinsam treffen. Klingt kurios? Ist es auch!

Ihnen ist das alles noch nicht kompliziert oder kurios genug? Dann sei noch erwähnt, dass der Bericht noch unvollständig ist. Denn es ist zwar richtig, dass die 50 amerikanischen Bundesstaaten nach eigenen Wahlsystemen wählen. Es fehlt jedoch noch der nicht unerhebliche Hinweis, dass auch beide großen amerikanischen Parteien – Demokraten und Republikaner – ebenfalls nach unterschiedlichen Wahlsystemen wählen, wohlgemerkt auch in den jeweiligen Bundesstaaten. Alle unterschiedlichen Wahlsysteme pro Partei und Bundesstaat aufzuzählen wäre ein abendfüllendes Programm.

Was ist das Hauptziel eines Kandidaten? Er muss Delegierte sammeln! Auf einem großen Parteitag der jeweiligen Partei – der sogenannten „Convention“ – findet die Nominierung des Kandidaten der Demokraten oder Republikaner durch die bei den Vorwahlen gewählten Delegierten für die Präsidentschaftswahl statt. Nur durch die bei den Vorwahlen gewählten Delegierten? Das wäre zu einfach! Bei den Demokraten gibt es sogenannte „superdelegates“, die ebenfalls über den Kandidaten abstimmen dürfen. Hierbei handelt es sich um verdiente Parteimitglieder bzw. hohe Funktionäre, die ebenfalls mit abstimmen dürfen, wer der Kandidat der Demokraten wird. Bei den Republikanern gibt es etwas Ähnliches, sogenannte „unpledged delegates“, allerdings sind das bei weitem nicht so viele Personen, wie bei den Demokraten die „superdelegates“.

Gibt es noch weitere Besonderheiten? Ja, viele. Nicht alle können hier aufgezählt werden, da sie den Rahmen sprengen würden. Aber ein besonderer Punkt sei noch erwähnt: Je nach Partei und Bundesstaat können unterschiedliche Wählergruppen wählen. In den USA muss man sich als Wähler aktiv registrieren, sonst darf man nicht wählen, weder bei der Vorwahl noch bei der Hauptwahl. In der Regel erklären sich die Wähler hierbei zu „Democrats“, „Republicans“ oder „Independents“ – letztere Wähler wollen sich keiner großen Partei zuordnen – und werden entsprechend im Wählerverzeichnis registriert. Dürfen bei den Vorwahlen Demokraten nur bei den Demokraten wählen und Republikaner nur bei den Republikanern wählen? Sie ahnen, dass Ihnen die Antwort nicht gefallen wird. Das kann je nach Partei und je nach Bundesstaat wieder völlig unterschiedlich sein und ist es auch („open primary“ und „closed primary“). Somit ist es möglich, dass Demokraten bei den Republikanern mitwählen und umgekehrt. Nicht überall, aber in diversen Bundesstaaten. Daher ist hier ein Anreiz da, bei der gegnerischen Partei einen möglichst schlechten Kandidaten zu wählen.

Nach einem langen Vorwahlmarathon und den „Conventions“ findet dann im November traditionell die Hauptwahl statt. Bis dahin haben alle Kandidaten sehr viel Geld ausgegeben – Kandidaten müssen daher sehr wohlhabend sein oder viele Spender haben. Die Hauptwahl funktioniert dann wieder nach eigenen Gesetzen. Aber das ist Stoff für einen neuen Artikel……

Die aktuellen Ergebnisse zu den US-Vorwahlen sind auf der Wikipedia zu finden:

https://de.wikipedia.org/wiki/Vorwahlergebnisse_der_Pr%C3%A4sidentschaftswahl_in_den_Vereinigten_Staaten_2016