15-04-19-schellhaas-wahlabend

Wahl gewonnen, Sektgläser der Wahlparty abgeräumt, Plakate abgehängt – und dann einfach weiter? Zu oft geht man nach einer gewonnenen Wahl zum Tagesgeschäft über und beschäftigt sich nicht mehr mit der Wahl. Vor allem, wenn man, wie Klaus Peter (Pit) Schellhaas bei der Landratswahl am 19. April 2015 im Landkreis Darmstadt-Dieburg 65,1 % im ersten Wahlgang bei insgesamt vier Kandidaten holt. Unsere Agentur politicom betreute Pit Schellhaas bei der Landratswahl. In einer dreiteiligen Serie möchte ich die Wahl etwas näher beleuchten und einen Erfahrungsbericht zum Wahlkampf geben. Die Serie gliedert sich in folgende Teile und wird bis Ende Mai 2015 komplett veröffentlicht.

1. Ergebnisse in der Übersicht
2. Faktoren des Wahlerfolgs

3. Erfahrungsbericht zum Wahlkampf

1.1 Ergebnisse alphabetisch nach Kommunen

Die Ergebnisse sind der Wahlseite des Landkreises Darmstadt-Dieburg entnommen.

Tabellarische Übersicht der Ergebnisse

   

Wahl-
berechtigte

Wahl-
beteiligung
Klaus Peter Schellhaas % Dr. Werner Thomas % Peter Löwenstein % Christoph Zwickler %
1 Alsbach-Hähnlein 7399 23,35 63,17 28,12 3,32 5,39
2 Babenhausen 12476 23,69 68,75 25,78 2,7 2,77
3 Bickenbach 4468 25,07 60,58 30,52 3,63 5,27
4 Dieburg 11766 41,09 53,89 41,04 2,42 2,65
5 Eppertshausen 4718 26,01 53,5 41 1,75 3,75
6 Erzhausen 5947 22,92 64,9 27,35 3,58 4,17
7 Fischbachtal 2168 44,51 77,62 16,74 2,82 2,82
8 Griesheim 20620 19,26 62,03 29,4 3,75 4,83
9 Groß-Bieberau 3688 35,57 79,91 16,46 1,78 1,85
10 Groß-Umstadt 16999 30,43 69,4 24,86 2,51 3,23
11 Groß-Zimmern 10623 26,57 56,01 38,18 2,31 3,5
12 Messel 3057 34,61 54,37 39,39 2,79 3,46
13 Modautal 4170 44,99 79,58 14,88 1,67 3,87
14 Mühltal 10847 31,36 63,8 24,35 2,26 9,59
15 Münster 11140 27,68 56,76 36,68 3,25 3,31
16 Ober-Ramstadt 11605 28,55 72,75 19,08 3,3 4,86
17 Otzberg 5261 35,41 68,68 23,86 4,22 3,24
18 Pfungstadt 19262 19,06 61,38 29,73 3,93 4,96
19 Reinheim 13329 51,27 72,41 22,51 2,54 2,55
20 Roßdorf 9664 52,69 64 27,94 3,25 4,81
21 Schaafheim 7294 26,23 68,35 26,66 2,76 2,23
22 Seeheim-Jugenheim 12959 27,7 59,18 32,02 2,91 5,9
23 Weiterstadt 19197 18,22 70,43 22,58 3,37 3,63
  220 Wahlbezirke 228657 29,16 65,13 27,88 2,91 4,07

Klarer Sieg in allen Kommunen

Klaus Peter Schellhaas hat in allen 23 Städten und Gemeinden des Landkreises gewonnen. Selbst in Dieburg, wo Herausforderer Werner Thomas seit einigen Jahren Bürgermeister ist, gewann Schellhaas mit einem deutlichen Vorsprung von über 12 Prozentpunkte. Das ist natürlich bitter für Werner Thomas und die CDU, hatten sie doch mindestens auf eine Stichwahl gehofft. Zu seinem Ergebnis in Dieburg sagte Thomas dem Darmstädter Echo am Wahlabend: "Viele sind dort nicht wählen gegangen, damit ich weiter ihr Bürgermeister bleibe." In 217 von 220 Wahlbezirken gewann Schellhaas die absolute Mehrheit. Nur in drei Wahlbezirken kam er nicht über 50%, gewann aber auch hier vor Werner Thomas.

1.2 Hochburgen von Klaus Peter Schellhaas

Die Tabelle unten zeigt die Ergebnisse der Kommunen in Reihenfolge des prozentualen Stimmergebnisses für Klaus Peter Schellhaas. Zum Vergleich sind außerdem die Ergebnisse des wichtigsten Herausforderers Werner Thomas eingetragen. Die letzte Spalte zeigt die Anzahl der Wählerinnen und Wähler in einer Kommune sowie der relative Anteil der Kommune am Gesamtergebnis.

   

Wahl-
beteiligung %

Klaus Peter Schellhaas % Dr. Werner Thomas % Wähler absolut / relativer Anteil (Schellhaas)
1 Groß-Bieberau 35,57 79,91 16,46 1034 / 2,42 %
2 Modautal 44,99 79,58 14,88 1481 / 3,46 %
3 Fischbachtal 44,51 77,62 16,74 742 / 1,73 %
4 Ober-Ramstadt 28,55 72,75 19,08 2379 / 5,57 %
5 Reinheim 51,27 72,41 22,51 4855 / 11,36 %
6 Weiterstadt 18,22 70,43 22,58 2427 / 5,68 %
7 Groß-Umstadt 30,43 69,4 24,86 3540 / 8,28 %
8 Babenhausen 23,69 68,75 25,78 1984 / 4,64 %
9 Otzberg 35,41 68,68 23,86 1252 / 2,93 %
10 Schaafheim 26,23 68,35 26,66 1287 / 3,01 %
  KREISSCHNITT / ENDERGEBNIS 29,16 65,13 27,88 42.705 / 100 %
11 Erzhausen 22,92 64,9 27,35 871 / 2,03 %
12 Roßdorf 52,69 64 27,94 3193 / 7,47 %
13 Mühltal 31,36 63,8 24,35 2143 / 5,01 %
14 Alsbach-Hähnlein 23,35 63,17 28,12 1067 / 2,49 %
15 Griesheim 19,26 62,03 29,4 2416 / 5,65 %
16 Pfungstadt 19,06 61,38 29,73 2217 / 5,19 %
17 Bickenbach 25,07 60,58 30,52 667 / 1,56 %
18 Seeheim-Jugenheim 27,7 59,18 32,02 2098 / 4,91 %
19 Münster 27,68 56,76 36,68 1730 / 4,05 %
20 Groß-Zimmern 26,57 56,01 38,18 1552 / 3,63 %
21 Messel 34,61 54,37 39,39 566 / 1,32 %
22 Dieburg 41,09 53,89 41,04 2562 / 5,99 %
23 Eppertshausen 26,01 53,5 41 642 / 1,50 %

 

1.3 Woher kamen die Stimmen für Schellhaas?

Wahlbeteiligung und Einwohnerzahl sind die wichtigsten Kriterien bei der Betrachtung der absoluten Stimmergebnisse. 42.705 Wählerinnen und Wähler stimmten für Pit Schellhaas. Absolut gesehen, wird eine schlechte Wahlbeteiligung oft durch eine hohe Einwohnerzahl kompensiert. So hat Modautal, wo Schellhaas herkommt, mit 44,99% die dritthöchste Wahlbeteiligung und mit 79,58 % das zweitbeste Ergebnis für Pit Schellhaas gebracht. Weiterstadt zum Vergleich hatte mit 18,22 % die schlechteste Wahlbeteiligung. Trotzdem lieferte Weiterstadt 5,68 % der Stimmen und Modautal "nur" 3,46 %. Drei Kommunen fallen bei näherer Betrachtung aus dem Raster: Roßdorf und Reinheim, weil dort parallel Bürgermeisterwahlen stattfanden sowie Dieburg, vermutlich weil Herausforderer Werner Thomas aus Dieburg kommt. Die Betrachtung der absoluten Stimmen ist gerade für den Wahlkampf sehr wichtig. Da in der Regel Ressourcen nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen und die Kandidaten sich nicht zerteilen können, müssen die Ressourcen sinnvoll eingesetzt werden. Im zweiten Teil dieser Serie werde ich auf diesen Aspekt noch mal genauer eingehen.

Reihenfolge der ersten zehn Kommunen nach Stimmanteilen:

  1. Reinheim: 4855 Stimmen / 11,36 % vom Gesamtergebnis
  2. Groß-Umstadt: 3540 Stimmen / 8,28 % vom Gesamtergebnis
  3. Roßdorf: 3193 Stimmen / 7,47 % vom Gesamtergebnis
  4. Dieburg: 2562 Stimmen / 5,99 % vom Gesamtergebnis
  5. Weiterstadt: 2427 Stimmen / 5,68 % vom Gesamtergebnis
  6. Griesheim: 2416 Stimmen / 5,65 % vom Gesamtergebnis
  7. Ober Ramstadt: 2379 Stimmen / 5,57 % vom Gesamtergebnis
  8. Pfungstadt: 2217 Stimmen / 5,19 % vom Gesamtergebnis
  9. Mühltal: 2143 Stimmen / 5,01 vom Gesamtergebnis
  10. Seeheim-Jugenheim: 2094 Stimmen / 4,91 % vom Gesamtergebnis

Diese zehn Kommunen lieferten bereits 65,11 % des Gesamtergebnisses von PIt Schellhaas.

1.4 Wahlbeteiligung

Die Tabelle zeigt die Ergebnisse aller vier Kandidaten sortiert nach Wahlbeteiligung in den Kommunen:

    Wahl-
beteiligung %
Klaus Peter Schellhaas % Dr. Werner Thomas % Peter Löwenstein % Christoph Zwickler %
1 Roßdorf 52,69 64 27,94 3,25 4,81
2 Reinheim 51,27 72,41 22,51 2,54 2,55
3 Modautal 44,99 79,58 14,88 1,67 3,87
4 Fischbachtal 44,51 77,62 16,74 2,82 2,82
5 Dieburg 41,09 53,89 41,04 2,42 2,65
6 Groß-Bieberau 35,57 79,91 16,46 1,78 1,85
7 Otzberg 35,41 68,68 23,86 4,22 3,24
8 Messel 34,61 54,37 39,39 2,79 3,46
9 Mühltal 31,36 63,8 24,35 2,26 9,59
10 Groß-Umstadt 30,43 69,4 24,86 2,51 3,23
  KREISSCHNITT / ENDERGEBNIS 29,16 65,13 27,88 2,91 4,07
11 Ober-Ramstadt 28,55 72,75 19,08 3,3 4,86
12 Seeheim-Jugenheim 27,7 59,18 32,02 2,91 5,9
13 Münster 27,68 56,76 36,68 3,25 3,31
14 Groß-Zimmern 26,57 56,01 38,18 2,31 3,5
15 Schaafheim 26,23 68,35 26,66 2,76 2,23
16 Eppertshausen 26,01 53,5 41 1,75 3,75
17 Bickenbach 25,07 60,58 30,52 3,63 5,27
18 Babenhausen 23,69 68,75 25,78 2,7 2,77
19 Alsbach-Hähnlein 23,35 63,17 28,12 3,32 5,39
20 Erzhausen 22,92 64,9 27,35 3,58 4,17
21 Griesheim 19,26 62,03 29,4 3,75 4,83
22 Pfungstadt 19,06 61,38 29,73 3,93 4,96
23 Weiterstadt 18,22 70,43 22,58 3,37 3,63

Wahlbeteiligung von 31,7 % auf 29,16 % gesunken

Als "unterirdisch" bezeichnete Pit Schellhaas die Wahlbeteiligung, die bei 29,16 % lag und im Vergleich zur Landratswahl 2009 (31,7 %) um 2,54 %-Punkte gesunken ist. Manfred Pentz, Generalsekretär der CDU Hessen, pflichtete ihm laut Darmstädter Echo bei und will sich Gedanken darüber machen, wie bei Direktwahlen mehr Menschen an die Wahlurnen gelockt werden können. Sicher, es schmerzt jeden Politiker, wenn die Legitmation des eigenen Handelns, durch eine niedrige Wahlbeteiligung einen Dämpfer bekommt. Schließlich haben sich über 70 % der Wahlberechtigten ihrer Stimme enthalten. Bei aller verständnlichen Verärgerung und Enttäuschung muss man die Realitäten dennoch anerkennen. Und die Realität spricht eine klare Sprache: Seit Jahren leiden Direkt- und Kommunalwahlen unter niedrigen und oft auch sinkenden Wahlbeteiligungen. Ich habe zu diesem Sachverhalt  im Juli 2010 zwei Artikel geschrieben, die einen interessanten Zusammenhang aufzeigen: Je näher die politische Ebene, desto geringer die Wahlbeteiligung (Hier geht es zu Artikel 1 / Hier geht es zu Artikel 2). Die Grafik unten zeigt den Bedeutungsverlust kommunaler Wahlen in Hessen eindrucksvoll.


 

Gründe für die niedrige Wahlbeteiligung gibt es einige. Neben dem "Handbuch Wahlforschung" von Jürgen Falter und Harald Schoen kann ich hierzu das Buch "NichtwählerInnen – eine Gefahr für die Demokratie" von Dorothée de Nève empfehlen. Zu den wichtigsten Gründen, nicht zur Wahl zu gehen, gehören:

  • Relevanz (Nach dem Motto: Je niedriger die Wahlebene, desto irrelevanter ist es wählen zu gehen. Sprich: Bundestag ist wichtig, Landrat nicht.)
  • Unkenntnis über die Wahl (bedingt durch Mediennutzungsverhalten / Politisches Interesse)
  • Protest
  • Strukturelle Gründe
  • Konkret bei dieser Wahl: Das schöne Wetter am Wahlsonntag.

Wie Studien zeigen, wird die Wahlbeteiligung auch durch das individuelle Mediennutzungsverhalten und das politische Interesse beeinflusst. Im Rahmen einer Telefonaktion zur Mobilisierung der SPD-Mitglieder kamen wir zu der interessanten Erkenntnis, dass selbst einige Parteimitglieder drei Tage vor der Wahl nicht wussten, das Landratswahl ist.

Ich stelle mal die Hypothese auf, dass wenn die Tagesschau am Samstag vor der Wahl und in ihrer Mittagsausgabe am Wahlsonntag darüber berichtet hätte, dass dann die Wahlbeteiligung schon gestiegen wäre.