Der überraschend deutliche Sieg Barack Obamas gegen seinen republikanischen Herausforderer Mitt Romney kann in seiner historischen Bedeutung wahrscheinlich kaum überschätzt werden. Zu gerne hätten Obamas konservative Gegner den ersten schwarzen Präsidenten als eine „Eintagsfliege“ abgetan: 2008 durch große Versprechungen gewählt, die sich aber in den folgenden Jahren nicht einlösen ließen, weshalb 2012 die politischen Verhältnisse sofort wieder korrigiert wurden.

Doch stattdessen konnte Obama, trotz einiger Stimmenverluste insgesamt, im Kern seinen Erfolg von vier Jahren erstaunlich souverän wiederholen. Lediglich mit North Carolina und Indiana verlor Obama 2012 Bundesstaaten, die er 2008 (allerdings da nur knapp) gewonnen hatte. Ansonsten konnte Obama in all jenen Bundesstaaten erneut triumphieren, die ihn auch 2008 zum Sieg getragen hatten. Damit entspricht das Ergebnis von 2012 im Wesentlichen dem Ergebnis von 2008, jedenfalls in 48 von 50 Bundesstaaten. In vielen ländlichen Bundesstaaten hatte Obama keine Chance – wie bereits 2008 und wie viele demokratische Kandidaten vor ihm. Dies muss Obama aufgrund seines großen Vorsprungs insgesamt jedoch nicht schmerzen. Denn er gewann in der Regel dort, wo viele Menschen leben, sowie in den meisten heiß umkämpften Bundesstaaten, den „swing states“.

Für den Sieg Obamas gibt es sicherlich viele Gründe:

1. Auch wenn bei vielen von Obamas Anhängern die Begeisterung von 2008 verloren gegangen sein mag, so motivierte viele frühere Wahlkämpfer und Wähler Obamas die für sie erschreckende Aussicht auf einen republikanischen Präsidenten Romney doch erneut, für Obama Wahlkampf zu machen und/oder ihn zu wählen.

2. Obamas Wahlkampfteam war, vor allem in den wahlentscheidenden, weil knappen Bundesstaaten (“swing states“), offensichtlich deutlich besser organisiert. Dies galt im Besonderen für Staaten wie Ohio, Virginia oder Florida. In Ohio hörte Obamas Wahlkampf seit 2008 im Grunde niemals auf. Hier verfügte er über eine ausgebaute Infrastruktur an Wahlkampfbüros, lange vor dem eigentlichen Wahlkampf.

3. Die von Obama verantworteten staatlichen Subventionen für die amerikanische Autoindustrie, die der marktliberale Romney ablehnte, haben Obama in Ohio und Michigan wahrscheinlich sehr geholfen. In diesen beiden Bundesstaaten spielt die Autoindustrie bzw. deren Zulieferer eine wichtige Rolle. Obama siegte in beiden Bundesstaaten. In Michigan sogar besonders deutlich, obwohl Romney hier geboren wurde und dessen Vater vor langer Zeit dort ein angesehener Gouverneur gewesen war. Diese Wurzeln halfen Romney am Wahltag in Michigan jedoch kaum. Auch in Massachusetts – hier war Romney selbst mehrere Jahre Gouverneur gewesen – verlor der Republikaner sehr deutlich. Der traditionell liberale Bundesstaat wählte mit großer Mehrheit Obama und nicht seinen ehemaligen Gouverneur. Auch Ryans Wurzeln im Bundesstaat Wisconsin halfen Romney dort nicht; von einem Sieg in Wisconsin blieb der Republikaner ebenfalls weit entfernt.

4. Der interessanteste Faktor ist jedoch die demografische Entwicklung der USA, die maßgeblich zu Obamas Wahlsieg beitrug. Auch 2008 siegte Obama nicht bei den weißen Wählern, sondern bei den sogenannten „Minderheiten“. Obama verschlechterte sein Ergebnis 2012 bei weißen Wählern sogar noch. Romney siegte bei weißen Wählern laut SPIEGEL mit 59% zu 39%. Bei weißen Männern erhielt Romney laut SPIEGEL sogar erstaunliche 71% der Stimmen. Damit müssen auch sehr viele weiße Arbeiter für Romney gestimmt haben, obwohl die Demokraten traditionell eher die Partei der Arbeiter sind, als die marktliberalen Republikaner. Ein demokratischer Präsidentschaftskandidat mit derart schlechten Werten bei weißen Wählern hätte in früheren Jahrzehnten nicht die geringste Chance gehabt, eine Präsidentschaftswahl zu gewinnen. Doch inzwischen sind nur noch 62% der amerikanischen Bevölkerung Weiße europäischer Abstammung.

Bei der schwarzen Wahlbevölkerung konnte Obama sein ausgezeichnetes Ergebnis hingegen halten (2012 93%; 2008 lag dieser Wert sogar noch etwas höher). Bei Latinos steigerte sich Obama auf über 70% der Stimmen. Auch bei Wählern asiatischer Abstammung siegte Obama deutlich. Gleichzeitig ließen diese Wählergruppen keineswegs ihr Wahlrecht verfallen, sondern gingen zur Wahl und stimmten für ihren Kandidaten. Damit überstimmten sie die weiße Bevölkerungsmehrheit, die Romney mit riesigem Vorsprung zum Präsidenten gemacht hätte. Erstaunlich ist dabei, dass Obama mit 332 Wahlmännern auch noch sehr deutlich gewann, keinesfalls knapp. In absoluten Zahlen hatte Obama immerhin rund 3,5 Mio Wählerstimmen mehr als sein republikanischer Gegner, etwa 50,6% zu 48%. Allerdings sind diese Zahlen für das US-Wahlsystem ohnehin bedeutungslos, es zählen nur die sogenannten Wahlmänner.

In Staaten wie Nevada oder Colorado im Südwesten der USA trugen vor allem die Stimmen der Latinos Obama zum Sieg. Ihr Bevölkerungsanteil wächst besonders auch in diesen Bundesstaaten schnell und signifikant. Vor Obamas Wahl 2008 waren sowohl Nevada als auch Colorado bei den vorherigen Präsidentschaftswahlen in der Regel an die Republikaner gegangen. Ähnliches gilt für Virginia im Osten des Landes. Traditionell republikanische Bundesstaaten scheinen sich damit, zumindest bei Präsidentschaftswahlen, zu drehen. Die repressive Haltung der Republikaner in Einwanderungsfragen erwies sich gerade bei Latino-Wählern offensichtlich geradezu als eine Art Anti-Wahl-Werbung, die die Stimmen der Latinos den Demokraten förmlich zutrieb.

Für die Republikaner ist es ebenfalls verhängnisvoll, dass sie bei jungen Wählern sehr schlecht abschneiden. Hier erhielt Obama 2012 mehr als 60% aller Stimmen. Er verschlechterte sich in dieser Gruppe sogar gegenüber 2008, allerdings auf einem sehr hohen Niveau. Im Jahr 2004 verlor der Demokrat John Kerry die Wahl gegen George W. Bush. Nur bei einer Altersgruppe siegte er deutlich: Bei Wählern unter 30 Jahren. Zwar hatten junge Wähler schon immer eher die Tendenz, die Demokraten zu wählen. Doch durch die Ära von George W. Bush, den nicht alle, aber sehr viele junge Wähler ablehnten und durch Obama, der viele junge Wähler begeisterte, hat sich dieser Trend noch ganz erheblich verstärkt.

Fazit: Die Republikaner kommen vor allem bei einer Bevölkerungsgruppe an, die zahlenmäßig immer weiter abnimmt: Ältere weiße Männer. Die Demokraten sind stärker bei Frauen, die einen größeren Anteil an der Wählerschaft ausmachen (etwa 53%). Die Demokraten sind zudem bei jungen Wählern stark, die noch oft wählen werden. Einige von ihnen werden vielleicht in Zukunft auch mal republikanisch wählen. Doch ihre politische Prägung in der Ära Bush (gegen die Republikaner) und in der direkt anschließenden Ära Obama (pro Demokraten) werden sehr viele in den kommenden Jahren und Jahrzehnten nicht einfach so ablegen. Hinzu kommt, dass die Latinos als Wählergruppe zahlenmäßig sehr stark anwachsen und damit immer mehr an politischem Gewicht gewinnen werden. Insofern sind die Demokraten im Moment in jeder Bevölkerungsgruppe stark, die auch in zukünftigen Wahlen eine wichtige Rolle spielen wird bzw. wird ihre Bedeutung sogar noch weiter anwachsen! Ohne einen radikalen Politikwechsel und der Ansprache von neuen Wählergruppen sind die Republikaner daher auf einem Weg, mit dem sie sich das Weiße Haus für lange Zeit selbst verbauen.