Ende September 2010 ging die neue SPD-Website online. Es ist keine zwei Jahre her, als die SPD ihre Website im Rahmen des Superwahljahres 2009 relauncht hat. Nun wurde die Site erneut einem Relaunch unterzogen und es stellt sich die Frage, ob der letzte Relaunch konzeptionell nicht gut genug war, um einen weiteren Launch zu initiieren?

meineSPD.net ist offenbar gefloppt – keine Übertragung der alten Community!

Am 11. September 2009 wurden alle meineSPD.net Nutzer von SPD-Bundesgeschäftsführerin Astrid Klug über den Relaunch von spd.de informiert. Da ich im Rahmen meiner Forschungen zu den Partei-Communities in allen Parteinetzwerken angemeldet bin, habe ich diese Mail natürlich auch erhalten. Als versierter Internetnutzer kam ich mir in der Ansprache vor, als ob ein Erwachsener (Klug) zu einem Kind (mich) spricht. Frau Klug verwendete die Metapher eines Umzuges. Sie erzählte von "tatkräftiger Unterstützung aus dem Freundeskreis", besänftige aber, dass niemand Kisten schleppen müsse?!

Der eigentliche Schlag ins Gesicht aller meineSPD.net User kam ganz zum Schluss in dieser E-Mail. Denn meineSPD.net wird auf der neuen SPD-Site zu "Mein Bereich". Allerdings muss man sich auf der neuen SPD-Site komplett neu registrieren. Diese Tatsache impliziert, dass sämtliche Userprofile, Daten, Forenbeiträge, Abstimmungen und virtuelle Freundschaften vollständig gelöscht werden. Was die rund 30.000 User in den letzten drei Jahren dort eingestellt haben, wird nicht wieder abrufbar sein. Auf meineSPD.net wird seit der Meldung von Astrid Klug diskutiert, wie sämtliche Daten auf ein anderes System migriert und damit weiterhin verfügbar gemacht werden könnten. Echte Aufregung existiert aber nicht wirklich. Die meisten Beiträge zum Relaunch waren positiver Natur trotz der geplanten Abschaltung und damit verbundenen Löschung sämtlicher Daten.

Es ist community-schädigend, dass sich die SPD offenbar keine Gedanken über die Datenmigration gemacht hat. Zumindest geht weder aus der E-Mail noch aus einem weiterführenden PDF hervor, was mit den alten Daten geschieht. Zum 1.1.2011 wird die alte Community meineSPD.net dann endgültig abgeschaltet. Wer bis dahin nicht neu auf spd.de registriert ist – hat offenbar gelitten. Professionelles Community-Management sieht anders aus. Kluge Communitymanager wissen, wie schwierig es ist, den User bei der Stange zu halten und Leben in eine Community zu bringen. Und obwohl meineSPD.net im Vergleich zu den anderen Parteicommunities mit zu den aktivsten gehört, wird das Ganze abgeschaltet und an anderer Stelle neu versucht. Für einen User, der sich dort jahrelang mehr oder weniger engagiert hat, muss es frustrierend sein, wenn er nun sieht:

  • Alle meine Beiträge und Daten werden gelöscht
  • ich muss mich komplett neu registrieren,
  • als Parteimitglied muss ich mich neu authentifizieren,
  • ich muss meinen Freundeskreis in der Community neu aufbauen
  • und und und.

All das sind Faktoren, sich bei der neuen Plattform spd.de gar nicht mehr zu registrieren. Daher bin ich sehr gespannt, wie sich die Community dort entwickelt. Zumal die Bereitschaft sinkt, sich überhaupt noch in zusätzlichen sozialen Netzwerken anzumelden.

Der erste Artikel auf der neuen Seite enthält dann auch schon kritische Kommentare von Usern, z.B. wieso der Account von meinespd.net nicht auch für die neue SPD-Site gilt. Einer der Redakteure beantwortet via Kommentar ganz fleißig viele Anfragen zur Website. Auf die Frage(n), was mit den Daten von meineSPD.net geschieht, geht er allerdings nicht ein.

Insgesamt muss die Community meineSPD.net gefloppt sein. Anders ist dieser Schritt nicht zu erkären. In der im Februar / März 2010 von politicom durchgeführten Online-Umfrage für die Jusos Hessen-Süd kam schon deutlich heraus, dass die Jusos, als internetaffine Zielgruppe, kaum Interesse an der parteieigenen Community hatten. Kein Wunder: Schließlich bot die Community kaum Partizipationsmöglichkeiten oder einen echten Mehrwert im Vergleich zu den großen Online-Communities. Siehe hierzu auch den Artikel "Bundestagswahl 2009: Erfolg und Relevanz der Parteicommunities".

Innovationen? Fehlanzeige! Erfüllung des Status Quo

Die neue SPD-Site ist optisch ansprechend, relativ klar strukturiert und darf sich auch durchaus als zeitgemäß bezeichnen. Der Headerbereich (mit Navigation) ist zwar etwas zu groß, liegt aber noch im vertretbaren Bereich. Begrüßenswert ist auch der Blog-Charakter, bei dem die Artikel kommentiert werden dürfen.

Screenshot der neuen SPD-Website vom 3. Oktober 2010.

Aber all das überzeugt mich nicht. Auf der ein oder anderen Seite konnte man bereits lesen, dass es sehr mutig für eine Partei sei, Kommentare im Blog-Stil zuzulassen. Ich frage mich ernsthaft, was daran mutig sein soll, nur weil es bisher kaum eine Partei auf die Reihe bekommen hat? Wir leben in einer Demokratie und auf der SPD-Site können nur registrierte User Kommentare hinterlassen. Im Spiegel Online Forum, aber auch bei anderen Medien, geht es schon seit Jahren heftigst zur Sache. Im Übrigen legt die SPD laut einem Hinweistext deutlich wert darauf, mit nicht-anonymen Menschen zu kommunizieren. Dabei nutzen gerade viele User die Anonymität des Netzes. Weiterhin sind im Jahr 2010 Usability und Accessibilty sowie ein damit verbundenes Design, welches eine gute Blickführung bietet und optisch ansprechend aber nicht zu aufgeladen ist, als Selbstverständlichkeit, die nicht wirklich gelobt werden muss. Es gibt genug gute Beispiel an denen man sich orientierten kann – seit Jahren.

Was ist eigentlich eine Neuerung für die SPD?

Wie oben bereits erwähnt, bekamen alle meinSPD.net User eine E-Mail von Astrid Klug. In dieser E-Mail war ein Link zu einem PDF mit näheren Infos zur neuen Site enthalten. In dem PDF wird auf 18 Seiten dargelegt und als "neu" verkauft, was vermutlich 80 – 90% der Internetuser von anderen Websites kennen. Oder besser gesagt: Es ist eher peinlich, wenn all diese Dinge, die z.T. seit Jahren zu den Standards gehören, nun auch für die SPD "Neuerungen" sind. Dennoch existiert nicht ein einziges Element, das einen tatsächlichen Mehrwert für den politisch interessierten User oder das Parteimitglied bringt oder besonders innovativ ist. Folgende sieben Punkte wurden als "Neuerungen" für die Startseite der SPD angepriesen:

  1. Die neuesten Artikel
  2. Thematischer Schnelleinstieg
  3. Einladung zum Stöbern
  4. Aktuelle Diskussionen im Social Web
  5. Verweise auf externe Seiten
  6. Bewerten von Inhalten
  7. SPD-Gliederung vor Ort

Wer diese Aufzählung liest, muss auch als Nicht-Experte und/oder sporadischer Internetuser feststellen: Das ist der Status Quo im Web, aber bestimmt keine Innovation oder "Neuerung". Eine chronologische Sortierung von Newsartikeln gibt es seit Jahrzehnten. Es ist eher peinlich, dass die SPD dies als Neuerung verkauft. Der thematische Schnelleinstieg ist ähnlich einer Tag-Cloud und in der Tat mal was anderes, aber auch kein tolles neues Feature, welches die Site besonders interessant macht. Die Einladung zum Stöbern ist eine Link-Übersicht von internen Angeboten – auch hier absolut fraglich was daran neu sein soll. Ähnliches gilt für das Bewerten der Inhalte und den Verweis auf externe Seiten. Gerade das letztere als "Neuerungen" zu verkaufen, lässt vermutlich auch unerfahrene Internetnutzer schmunzeln. Die Profis dürften sich denken: Kennt die SPD eigentlich Tim-Berners Lee und seine Idee des Hypertextes (HTML)? Eine der elementaren Grundfunktionen von HTML ist die Verlinkung zwischen verschiedenen Seiten. Hier stellt sich die Frage: Ist es glaubwürdig für eine Partei, wenn sie rund 30 Jahre nach Entstehung von HTML und WWW die Verlinkung auf externe Seiten als "Neuerung" darstellt?

Wirklich neu sind die "Aktuellen Diskussionen im Social Web". Doch was will die SPD damit aussagen?! Ändern sich dadurch bestimmte Meinungsbildungsprozesse? Haben die Diskussionen im Social Web eine Relevanz oder werden sie in Zukunft eine haben für die SPD? Nun, die Frage wird sich im Laufe der Zeit klären, bisher sah es allerdings nicht so aus, als ob die SPD die kritischen Stimmen im Web in ihre politischen Konzepte integriert. Während ich diesen Artikel (nun schon seit 5 Stunden) schreibe, lese ich die ganze Zeit die Tweets, die auf der neuen SPD-Site reinkommen. Fazit: 90% Unsinn, der politisch völlig irrelevant ist. Welchen User, der auf der SPD Site ist, interessiert es, dass Tim Rozenski in einem Textanalyse-Tool herausgefunden hat, dass er mal wie Sigmund Freud und mal wie Friedrich Schiller schreibt?

Wie nah ist die SPD tatsächlich?

Die letzte "Neuerung" zu finden unter dem Punkt "SPD-Gliederungen vor Ort" bzw. auf der Website "In der Nähe" (siehe Bild rechts) werfen auch einige Fragen auf. Zum Beispiel: Wen interessiert es, wo die Geschäftsstellen der SPD-Gliederungen liegen? Die meisten Parteimitglieder wissen es mit Sicherheit im Kopf und den normalen User dürfte es eher weniger interessieren. Bei einer Testabfrage für meine Kommune "Weiterstadt" wurde dagegen die wohl interessanteste Ebene für einen User, nämlich die kommunale Ebene, nicht angezeigt. Viel sinnvoller wäre es hier beispielsweise gewesen, dem User die kommenden Termine und Veranstaltungen der lokalen und regionalen Parteigliederungen anzuzeigen. Denn: Die Adresse irgendeiner Parteigliederung bringt dem User nicht viel, eine Veranstaltung in nächster Zeit, die einen interessanten thematischen Schwerpunkt hat, ist dagegen viel interessanter und letztlich auch besser für die SPD. Wer möchte nicht viele neue Gesichter auf Parteiveranstaltungen sehen?

Kaum Funktionen für Parteimitglieder

Aus der besagten E-Mail von Astrid Klug und dem ebenso beschriebenen PDF sowie aus den Foren bei meineSPD.net geht auch nicht hervor, welche "Neuerungen" der Relaunch für verschiedene Funktions- und Mandatsträger und einfache Parteimitglieder bringt. Bei meineSPD.net konnten Parteimitglieder verschiedene Zusatzfunktionen nutzen und auch einige Datenabgleiche mit der Mitgliederdatenbank der SPD machen. Ob die vor kurzem neu aufgesetzte und sehr umfangreiche Mitgliederdatenbank MAVIS 2 an die Website angedockt wird, bleibt unklar. Dabei wäre es der richtige Schritt, über eine zentrale Plattform viele gute und unterstützende Funktionen für Parteimitglieder und Funktionsträger anzubieten. Die Möglichkeiten sind hier natürlich grenzenlos, doch primär sollte ein Parteinetzwerk zwei Funktionen erfüllen:

  1. Diskussionen und Meinungsbildungsprozesse innerhalb der Partei anregen und unterstützen
  2. Die Arbeit auf allen Parteiebenen durch gute, sinnvolle Funktionen unterstützen

Ob die beiden Punkte tatsächlich erfüllt werden, wird sich im Laufe der Zeit zeigen. Zweifel bleiben aber bestehen. Vor allem spezielle Funktionen – wie zum Beispiel die Pflege der Mitgliederdatenbank oder gemeinsame Listen von Vereinen etc. – bieten große Anreize, sich in der Community anzumelden und die Funktionen zu nutzen – wenn die Parteiarbeit dadurch deutlich erleichtert wird. Wie man durch den ersten Artikel, aber auch durch das beschriebene PDF erfährt, richtet die SPD den Seitenaufbau an klassischen Nachrichtenportalen aus. Allerdings ist zu bezweifeln, dass die SPD Site auch als solches genutzt wird. Der Fokus sollte ganz klar zunächst auf die Bindung von Parteimitgliedern und Sympathisanten gelenkt werden. Da das bereits bei meineSPD.net schon nicht gelang, bin ich äußerst skeptisch, ob es mit diesem Relaunch gelingen wird.

Gesprächskreis Netzpolitik wird nicht gefragt

Interessant ist auch, dass der von der SPD vor einiger Zeit neu eingerichtete Gesprächskreis Netzpolitik keinen Einfluss auf den Relaunch hatte. Da sitzen mehrere Experten, Blogger, Parteimitglieder, Mandatsträger und Agenturchefs in einem Fachgremium der SPD, aber werden bei der Entwicklung eines SPD-Relaunchs nicht involviert?! Klar, grundsätzlich soll der Gesprächskreis Netzpolitik über Netzpolitik sprechen und hierfür politische Leitlinien und Konzepte entwickeln. Doch Netzpolitik fängt ja bei der eigenen Website an. Nico Lummla, Mitglied im Gesprächskreis, hat zum Relaunch einen tendenziell wohlwollenden Blog-Artikel verfasst.

Neu registrieren? Ja klar, aber eher zu Forschungszwecken!

Natürlich habe ich mich auf der neuen Website registriert. Der erste Frust entstand sofort nach Abschicken des Formulars. Sonntags (eigentlich Montags) nachts um halb eins, wenn vermutlich über 50% der Deutschen schlafen, melde ich mich an und muss tatsächlich 45 Minuten warten, bis ich die Bestätigungsmail mit dem Bestätigungslink erhalte. Da ich bei der Registrierung eine Mailadresse von einer eigenen Domain, gehostet auf einen eigenen Server, angegeben habe (und dieser 100% online war), kann es nicht an meinem Mailanbieter gelegen haben. Da ist es auch nicht hilfreich, wenn ich direkt nach dem Registrierungsprozess erfahre, dass die Mail zu mir schon unterwegs ist und ich meine Registrierung doch bitte gleich bestätigten soll, weil der Bestätigungslink nur 4 Wochen gültig ist?!

Also schauen wir mal über diese erste Panne hinweg: Als erstes fällt auf, dass die SPD keine sichere SSL Verschlüsselung verwendet – also alle Daten auch im geschützten Bereich über eine unverschlüsselte Verbindung übertragen werden. Wer es schafft, die mehrere Seiten langen Datenschutzrichtlinien der neuen Website durchzulesen und darin erfährt, wie wichtig der Datenschutz für die SPD ist, muss sich doch sehr wundern, wenn der Login und alle nachgeordneten Seiten nicht SSL verschlüsselt sind.

Lustig ist auch, dass ich beim Registrierungsprozess zum Teil bereits geduzt werde (womit ich überhaupt kein Problem habe), aber dann in den Detaileinstellungen meines Profils gesiezt werde. Im Profil kann man dann zwar festlegen, ob man mit Du oder Sie angesprochen werden möchte, bis der User diese Entscheidungen aber getroffen hat, sollte er aus formalen Gründen am Anfang gesiezt werden. Als ich dann dem System erlaubt habe mich zu duzen, wurde ich bei den Kontaktoptionen weiterhin gesiezt?! Schon ein bisschen komisch, oder? Aber ganz allgemein ist die Ansprache nicht konsequent. Mal wird in der ich-Form geschrieben, also Schema "ich möchte XYZ", als nächstes wird man wieder gesiezt, ob die SPD irgend etwas darf oder auch nicht darf?

Community-Funktionen? Fehlanzeige! Bisher sind keine Communityfunktionen implementiert. Zwar soll die neue Website der SPD die Community meineSPD.net ersetzen, Anzeichen dafür sind aber noch nicht erkennbar. Ich werde das Thema natürlich weiter verfolgen und ggf. ein neuen Artikel schreiben, wenn es hier neue Entwicklungen geben wird.

Den Kommentaren vieler User nach, dürfte die Testphase nicht besonders lang gedauert haben. Üblicherweise werden Websites harten Tests ausgesetzt, bevor sie für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Fazit zum Relaunch

Der Relaunch ging eindeutig in die richtige Richtung, aber auch eindeutig nicht weit genug. An vielen Stellen gibt es noch viele offene Fragen. Auch beim Design, bei der Navigationsstruktur und der inhaltlichen Aufbereitung gibt es noch Optimierungspotenzial. Sehr negativ fällt die komplette Abschaltung von meineSPD.net auf. Die Daten dieser Community werden nicht migriert, User müssen sich komplett neu anmelden – völlig unnötig, wenn man ein entsprechendes Konzept hierfür entwickelt. Für die Community ist das mehr als tödlich. Negativ fällt auch auf, dass es bisher noch keine Community Funktionen gibt, obwohl die Website schon online ist und die Abschaltung von meineSPD.net bevorsteht. Somit wird auch das letzte Fünkchen Aktivität bei meineSPD.net vermutlich abgewürgt. Denn: Wer was dort schreibt, weiß, dass es am 1.1. gelöscht wird! Eine neue Möglichkeit auf spd.de gibt es (noch) nicht – ergo, stellt ein normaler User vermutlich seine Aktivitäten völlig frustriert ein. Ein deutliches Negativ-Beispiel, wie man eine Community NICHT managen darf.

Aus meiner Sicht steht und fällt die Website mit speziellen Angeboten für Parteimitglieder und Sympathisanten – von denen bisher noch nichts zu sehen ist. Hier kann die SPD punkten. Wenn sie bereit dafür ist.

Eine kleine, unbedeutende Anekdote am Rande: Die Website der betreuenden Agentur TLGG ist (fast) vollständig in Schwarz und Gelb gehalten…