Wie in den vorangegangen Artikeln (politikwissenschaftliche und medienwissenschaftliche Erklärungsmodelle) schon deutlich wurde, existieren bisher keine integrierenden Theorien oder Modelle zur Wahlentscheidung, die die beiden Disziplinen Politikwissenschaft und Medienwissenschaft in dieser Fragestellung zusammenführen. Hans Mathias Kepplinger bringt es auch hier wieder auf den Punkt: „Jahrzehntelang haben zahllose Politik- und Publizistikwissenschaftlicher nebeneinander her gearbeitet, ohne sich gegenseitig zur Kenntnis zu nehmen. Die Folgen sind theoretische und methodische Defizite auf beiden Seiten sowie eine wachsende Kluft zwischen Wissenschaft und Praxis.“ (Kepplinger, Hans Mathias in Dahlem 2001:11)

Stefan Dahlem hat mit seiner Dissertation „Wahlentscheidung in der Mediengesellschaft“ einen Entwurf für ein integriertes Modell vorgestellt und auch offen gelegt, welche Forschungslücken bestehen. In diesem Modell sind erstmalig alle relevanten Faktoren der Wahlentscheidung integriert. Mit dieser Arbeit wurde somit der Grundstein für eine interdisziplinäre Wahlforschung gelegt. Allerdings ist das Modell zunächst nur ein Ansatz, dessen empirische Modellierung in ein tragfähiges Studiendesign transferiert werden muss.

Dahlem stellt mit einer umfassenden Literaturanalyse deutlich heraus, dass die jeweiligen Wissenschaften keine Alleinerklärungsbasis für den komplexen Prozess der Wahlentscheidung bieten können. Das sozialpsychologische Modell aus Ann-Arbor beispielsweise geht davon aus, dass die Wähler ihre Entscheidung neben der Parteiidentifikation anhand von Kandidaten- und Themenorientierungen treffen. Allerdings hinterfragt diese theoretische Konstruktion überhaupt nicht, woher die Wähler ihre Informationen über Kandidaten und Themen haben, anhand derer sie schließlich entscheiden sollen. Werden nun bei der Analyse objektiv überprüfbare Fakten, wie zum Beispiel die Arbeitslosenquote bei der Themenorientierungen angenommen, anstatt die Vorstellungen der Wähler über die Arbeitslosigkeit zu messen, so produziert das Modell automatisch Verzerrungen der Realität. Durch die Integration der Komponente „Massenmedien“ und deren Vermittlung wird der Wahlentscheidungsprozess nachvollziehbarer und logischer, aber auch um einiges komplexer.

Das interdisziplinäre Modell in der Übersicht

Die einzelnen Ebenen bauen aufeinander auf. Auflistung zitiert nach dem Schaubild von Dahlem 2001: 471:

  • Realität
    • Soziales Umfeld
    • Allgemeine politische Lage
    • Massenmedien
    • Öffentliche Meinung
  • Darstellung / Vermittlung
    • Persönliche Beobachtung / Erfahrung
    • Interpersonale Kommunikation
    • Massenkommunikation Medieninhalte
  • Wahrnehmung
    • kognitiv
    • affektiv
    • emotional
    • konativ
  • Vorstellung
    • Parteiidentifikation
    • Ideologien und Werte
    • Vorstellungssysteme
    • Persönlichkeit
    • Kandidaten
    • Themen
    • Meinungsklima
  • -> WAHLENTSCHEIDUNG
    • Parteien
    • Kandidaten

Bisher sind mir keine Forschungsarbeiten bekannt, die das oben dargestellte Schema empirisch überprüft haben. Hierzu bedarf es aber noch einmal einer Detailrecherche. Nicht zuletzt dürfte die Komplexität des Modells für erhebliche forschungspraktische Probleme sorgen, die in der Realität eventuell gar nicht abzufangen sind.

Wichtige Literatur zu diesem Thema:

  • Brader, Ted (2006): Campaigning for hearts and minds – How emotional appeals in political ads work.
    Chicago: The University of Chicago Press.
  • Dahlem, Stefan (2001): Wahlentscheidung in der Mediengesellschaft.
    Freiburg i. Breisgau / München: Verlag Karl Alber GmbH
  • Falter, Jürgen / Schoen, Harald (Hrsg.) (  (2005): Handbuch Wahlforschung.
    Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Lau, Richard R. and David P. Redlawsk (2006): How Voters Decide – Information
    Processing during Election Campaigns. New York: Cambridge University Press
  • Pappi, Franz Urban und Susumu Shikano (2007): Wahl- und Wählerforschung.
    Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft.
  • Podschuweit, Nicole (2007): Wirkungen von Wahlwerbung. München: Verlag
    Reinhard Fischer.
  • Roth, Dieter (2008): Empirische Wahlforschung – Ursprung, Theorien, Instrumente
    und Methoden. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Schenk, Michael (2007): Medienwirkungsforschung. Tübingen: Verlag Mohr
    Siebeck Tübingen
  • Schulz, Winfried (2008): Politische Kommunikation – Theoretische Ansätze und Ergebnisse empirischer Forschung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.