Zur Erklärung des Wahlverhaltens und politischen Einfluss auf den Wähler allgemein haben zwei wissenschaftliche Disziplinen unabhängig voneinander verschiedene Theorien entwickelt. Die Politikwissenschaft hat dabei den wählerzentrierten Standpunkt eingenommen, die Medien- bzw. Kommunikationswissenschaft den medienzentrierten Standpunkt.

In der Politikwissenschaft wird zwischen drei relevanten theoretischen Modellen zur Erklärung des Wahlverhaltens unterschieden. Zum Einen das soziologische Erklärungsmodell der Columbia School (mit mikro- und makro-soziologischen Ansätzen). Das zweite Modell – Ann Arbor – betrachtete das Wahlverhalten stärker auf der Individualebene, der Ansatz wird demnach auch als sozialpsychologischer Ansatz bezeichnet. Die „Rational Choice“ Theorie oder auch „Ökonomischer Ansatz“ ist der letzte relevante Ansatz (der hier aber nicht weiter vorgestellt wird). Im Folgenden werden die ersten beiden Modelle kurz angerissen.

Sozialpsychologisches Modell (Ann-Arbor)

Unter dem Titel „The American Voter“ veröffentlichten Campbell et al. in den 1960er Jahren an der University of Michigan in Ann Arbor das in der Praxis relevanteste Forschungsmodell – den sozialpsychologischen Ansatz.
In diesem Werk ging es im Gegensatz zum zuvor veröffentlichen Columbia-Modell (mikro-soziologischer Ansatz) und dem makro-soziologischen Ansatz weniger um den gesellschaftlichen Kontext, in dem Wähler ihre Wahlentscheidung treffen, sondern mehr um die individuellen Faktoren. Der Theorie liegt die Annahme zugrunde, dass Wahlentscheidungen nicht sozial-strukturell bestimmt werden, sondern ein Ergebnis von verschiedenen lang- und kurzfristigen Einflüssen auf den einzelnen Wähler sind.

Soziologisches Modell (Columbia-School)

In den soziologischen Ansätzen bestimmt vor allem das soziale Umfeld, welche Partei oder welchen Kandidaten ein Wähler wählt. Dies sind vor allem Schichtzugehörigkeit, Religion und gemeinsame Interessen. Andere Faktoren hatten in den 1940er Jahren, als die Pionierstudie, die berühmte Erie-Countie-Studie, um Paul Lazarsfeld veröffentlicht wurde, nur sehr geringe Relevanz. Das Forscherteam der sogenannten Columbia-School hatte anderen Faktoren, wie zum Beispiel der Medienberichterstattung oder auch der Persönlichkeit einer Person kaum Gewichtung eingeräumt. Zumindest wurden solche Faktoren als eigenständige Analyseebene weder theoretisch fundiert noch empirisch erfasst. Neben den fehlenden Faktoren und einer zu starken Fokussierung auf das soziale Umfeld gab es auch Kritik an der methodischen Durchführung der Studie.

Probleme der theoretischen Modelle

Obwohl sich das sozialpsychologische Modell in der empirischen Forschung etabliert hat und für viele Probleme und Tatsachen Erklärungsansätze bietet, sind manche Einflussfaktoren auch in diesem Modell nicht angemessen berücksichtigt und haben keine eigene Analyseebene. Wie schon bei den soziologischen Modellen fehlen auch hier die Faktoren Massenmedien und Persönlichkeit. Aber auch die interpersonale Kommunikation und die Werte und Ideologien sind als Variablen nicht vorgesehen und werden auch empirisch im Ursprungsmodell nicht erfasst. Im sozialpsychologischen Modell spielt die Parteiidentifikation die größte Rolle. Angesichts der abnehmenden Parteibindung, die mit einer Abnahme der Parteiidentifikation in der Regel einher geht, rücken aber andere und bisher noch nicht eigenständig gemessene Faktoren zunehmend in den Fokus.

Und auch die Theorie des rationalen Wählers beinhaltet nur einen Teil der oben vorgestellten Faktoren. Dieser Theorie liegt die Annahme zugrunde, dass Wähler ihre Wahlentscheidung für eine Partei oder einen Kandidaten rational nach dem für sie maximal erzielbaren Nutzen treffen. Affektiv-situative oder soziale Faktoren bleiben weitestgehend unberücksichtigt, obwohl klar ist, dass Menschen nicht immer und ausschließlich rational handeln. Dieses Modell wurde daher auch umfassend und zum Teil auch heftig kritisiert und eignet sich nur bedingt zur Erklärung des Wahlverhaltens.

In den nächsten Monaten werde ich in diesem Blog die wichtigsten Modelle zur Wahlentscheidung umfassender behandeln.

Wichtige Literatur zu diesem Thema:

  • Brader, Ted (2006): Campaigning for hearts and minds – How emotional appeals in political ads work.
    Chicago: The University of Chicago Press.
  • Dahlem, Stefan (2001): Wahlentscheidung in der Mediengesellschaft.
    Freiburg i. Breisgau / München: Verlag Karl Alber GmbH
  • Falter, Jürgen / Schoen, Harald (Hrsg.) (  (2005): Handbuch Wahlforschung.
    Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Lau, Richard R. and David P. Redlawsk (2006): How Voters Decide – Information
    Processing during Election Campaigns. New York: Cambridge University Press
  • Pappi, Franz Urban und Susumu Shikano (2007): Wahl- und Wählerforschung.
    Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft.
  • Podschuweit, Nicole (2007): Wirkungen von Wahlwerbung. München: Verlag
    Reinhard Fischer.
  • Roth, Dieter (2008): Empirische Wahlforschung – Ursprung, Theorien, Instrumente
    und Methoden. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Schenk, Michael (2007): Medienwirkungsforschung. Tübingen: Verlag Mohr
    Siebeck Tübingen
  • Schulz, Winfried (2008): Politische Kommunikation – Theoretische Ansätze und Ergebnisse empirischer Forschung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.