Die Wahlentscheidung ist ein komplexer Prozess, der durch interne und externe, sowie durch langfristige und kurzfristige Faktoren gesteuert wird. Im letzten Artikel wurden die „externen Wirkungsfaktoren“ vorgestellt und darauf hingewiesen, dass die Faktoren nicht klar voneinander abgegrenzt werden können.

Die internen Wirkungsfaktoren

Mit den internen Wirkungsfaktoren sind alle Faktoren gemeint, die sich auf Gefühle, Meinungen und Einstellungen einer Person beziehen. Dazu gehören:

  • Persönlichkeit
  • Werte und Ideologien
  • Parteiidentifikation
  • Einstellungen zu politischen Sachfragen
  • Einstellungen zu Kandidaten
  • eigene Beobachtungen

Persönlichkeit

Die mitunter wohl wichtigste Variable zur Erklärung des Wahlverhaltens ist die Persönlichkeit eines Menschen. Die Fragen hierzu sind: Welche Einstellungen und welche Vorstellungen sind vorhanden? Wie lief der allgemeine und der politische Sozialisationsprozess ab? Neigt die Person zu autoritären Strukturen, usw.? Und natürlich ist das Wahlverhalten auch eine Frage von Interesse, Intelligenz und von Rationalität. Wählt eine Person eher aus sachlich-rationalen oder eher aus situativ-affektiven Gründen? All dies sind Fragen, die die Persönlichkeit betreffen. Die Forschung hat hierzu zwar verschiedene Ansätze entwickelt, allerdings ist die Identifikation und Messung der Variablen schwierig, die bisherige Erklärungskraft verhältnismäßig gering und die Integration in theoretische Modelle nach wie vor eine große Herausforderung.

Werte und Ideologien

Dem gesunden Menschenverstand folgend ist es eigentlich klar, dass persönliche Wertorientierungen und damit verbundene Ideologien einen Einfluss auf das Wahlverhalten haben müssten. Die großen Konfliktlinien säkular vs. religiös, liberal vs. autoritär, links-materialistisch vs. rechts-materialistisch haben schon seit Jahrzehnten einen großen Einfluss auf das Wahlverhalten und bedingen die Verortung der Parteien im politischen Spektrum. In der Forschung werden die Wertorientierungen aber sehr selten als Erklärungsvariablen analytisch erfasst und interpretiert. Der Mannheimer Professor Franz Urban Pappi schrieb schon 1974 eine heute immer noch gültige Beschreibung zur analytischen Dimension von Werten: „Gesellschaftliche Wertorientierungen spielen im Erklärungsschema der Wahlsoziologie kaum eine Rolle. Als unmittelbare Ursachen politischen Verhaltens rekurriert man auf politische Einstelllungen, sei es in Form von Einstellungen zu politischen Issues, der Beurteilung von Kandidaten oder von Einstellungen zu anderen politischen Orientierungsobjekten“ (zitiert aus Falter, Jürgen / Schoen, Harald: Handbuch Wahlforschung. VS Verlag, 2005:423). Hier ist also noch ein großer Forschungsbedarf vorhanden.

Parteiidentifikation

Die Parteiidentifikation, als Herzstück des Ann-Arbor-Modells (oder auch sozialpsychologisches Modell), ist relativ gut erforscht. Mit der Parteiidentifikation ist die inhaltliche und ideologische Nähe zu einer bestimmten Partei gemeint, die sich auch auf das Wahlverhalten auswirkt, indem der Wähler eben diese Partei aus Tradition wählt. Die Parteiidentifikation ist in der Regel sehr konstant und ändert sich höchstens langfristig oder bei sehr einschneidenden politischen und wirtschaftlichen Ereignissen. Die Tendenzen zur Wechselwahl bestätigen sich auch in der Parteiidentifikation – diese nahm im Zeitverlauf kontinuierlich ab.

Einstellungen zu politischen Sachfragen

Einstellungen zu politischen Sachfragen korrespondieren sehr stark mit Einstellungen zu Kandidaten, aber auch mit dem externen Faktor „Öffentliche Meinung / Massenmedien“. Diese Verbindung liegt vor allem an der Problemlösungskompetenz, die natürlich untrennbar mit Themen und politischen Köpfen verbunden ist. „Daher können das Bewusstsein sowie die Kenntnisse der Bürger von den wichtigen Sachfragen und Problemlagen ihres Landes als wesentliche Voraussetzung für eine sachgerechte Entscheidung angesehen werden, die dem Gemeinwesen die bestmögliche Regierung für die kommende Legislaturperiode sichert.“ (Dahlem, Stefan 2001:119) Auswirkungen und Einflüsse auf das Wahlverhalten sind vorhanden und werden als rationales Wählen aufgefasst.

Einstellungen zu Kandidaten

Der nächste Faktor ist die Einstellung zu Kandidaten des politischen Systems. Diese Kandidatenorientierung beinhaltet zum einen die oben angesprochene Kompetenz und das Vertrauen der Wähler in den Kandidaten, wichtige gesellschaftliche Probleme zu lösen. Zum anderen die persönliche Ebene des Kandidaten, also das Aussehen, Gestik, Mimik, Charaktereigenschaften, Sympathie und ähnliche „unsachliche“ Attribute. Obwohl diese Eigenschaften weniger mit der Problemlösungskompetenz und den Lösungsansätzen eines Kandidaten zu tun haben, so sind Einflüsse auf das Wahlverhalten durchaus möglich. So konnte Gerhard Schröder bei der Bundestagswahl 1998 gerade auch bei vielen Frauen punkten, weil er im Vergleich zu Helmut Kohl ein moderner, frischer und gutaussehender Kandidat war.

Auch im Internetwahlkampf zur Bundestagswahl 2009 ist die starke Fixierung auf bekannte Persönlichkeit sehr deutlich geworden. Im Artikel „Angebote der Parteien in externen Netzwerken“ habe ich gezeigt, wie groß der Abstand im Social Network der „VZ-Gruppe“ zu Bundeskanzlerin Angela Merkel und anderen politischen Kandidaten war. Und dies trotz großer Ablehnung der Union als Partei im Internet.

Eigene Beobachtungen

Der Faktor „Eigene Beobachtungen“ ist im Vergleich zu den anderen internen Faktoren schwieriger von den externen zu trennen. Im Kern geht es bei den eigenen Beobachtungen um Erfahrungen und Kenntnisse aus dem näheren Umfeld. Das können persönliche Erfahrungen, zum Beispiel mit der Lebenssituation als Hartz-4 Empfänger, aber auch Erfahrungen von Freunden, Verwandten und Bekannten sein. Die Wahlwerbung der Parteien fällt neben anderen Faktoren auch in den Bereich der „eigenen Beobachtungen“.

Wichtige Literatur zu diesem Thema:

  • Brader, Ted (2006): Campaigning for hearts and minds – How emotional appeals in political ads work.
    Chicago: The University of Chicago Press.
  • Dahlem, Stefan (2001): Wahlentscheidung in der Mediengesellschaft.
    Freiburg i. Breisgau / München: Verlag Karl Alber GmbH
  • Falter, Jürgen / Schoen, Harald (Hrsg.) (  (2005): Handbuch Wahlforschung.
    Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Lau, Richard R. and David P. Redlawsk (2006): How Voters Decide – Information
    Processing during Election Campaigns. New York: Cambridge University Press
  • Pappi, Franz Urban und Susumu Shikano (2007): Wahl- und Wählerforschung.
    Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft.
  • Podschuweit, Nicole (2007): Wirkungen von Wahlwerbung. München: Verlag
    Reinhard Fischer.
  • Roth, Dieter (2008): Empirische Wahlforschung – Ursprung, Theorien, Instrumente
    und Methoden. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Schenk, Michael (2007): Medienwirkungsforschung. Tübingen: Verlag Mohr
    Siebeck Tübingen
  • Schulz, Winfried (2008): Politische Kommunikation – Theoretische Ansätze und Ergebnisse empirischer Forschung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.