Über die Gründe für den mäßigen Erfolg des Onlinewahlkampfs ist in den letzten Monaten bereits einiges von vielen Praktikern und Wissenschaftlern geschrieben worden. Folgende Gründe kristallisieren sich in der Debatte heraus:

  • Die Parteiangebote (besonders Communities) boten den Nutzern keinen effektiven (politischen) Mehrwert, daher auch kein Erreichen der kritischen Masse an Usern (siehe Artikel „Voraussetzungen für den politischen Dialog im Internet“)
  • Fehlende Partizipations- und Dialogmöglichkeiten im Sinne von politischen Entscheidungen oder Programmdiskussionen (= Mehrwert)
  • Mangelnde Bereitschaft (Kampagnen-) Kontrolle an die User abzugeben
  • Angebote stehen teilweise konträr zum politischen Handeln einzelner Parteien und Akteure (Beispiel: CDU + SPD bei Zugangserschwerungsgesetz)
  • Angebote und Botschaften waren nicht auf die entsprechenden Zielgruppen zugeschnitten, hier besonders junge politische Onliner
  • Allgemein geringes Vertrauen in Parteien und Politiker

Ohne Innovation und Partizipation kein Mehrwert für den User

Die wenigsten Parteien waren bereit, den Usern echte Partizipationsmöglichkeiten im Sinne von politischen Entscheidungen und offenen Debatten anzubieten. Somit gab es für diese eben auch kaum Gründe, sich in einer Parteicommunity anzumelden. Die Parteien boten keine innovativen Möglichkeiten oder technischen „Spielereien“ für die digitale Elite, die neue Angebote in der Regel als erstes nutzt und bei Gefallen via Social Web wohlwollend virales Marketing betreibt. Die Parteien schafften es noch nicht einmal, die Mehrheit ihrer eigenen Anhänger an ihre Communities und Aktivitäten zu binden.

Wie im Artikel „Erfolg und Relevanz der Parteicommunities“ gezeigt wurde, beschränkten sich die Parteicommunities hinsichtlich Funktionalität und Dialogoptionen auf die bekannten Möglichkeiten, die in allen gängigen sozialen Netzwerken und dort oftmals sogar noch in besserer Qualität zur Verfügung stehen. Ausgehend von den im Artikel „Voraussetzungen für den politischen Dialog im Internet“ genannten Bedingungen für eine erfolgreiche Community ist es daher nachvollziehbar, wenn die User kein Interesse zeigen, sich in einem Netzwerk anzumelden, das zu einer Partei gehört (eher negative Tendenz), im Vergleich zu den vorhandenen Netzwerken keinen Mehrwert oder Innovationen (Was bringt mir das?) beinhaltet und die Userzahlen darüber hinaus viel zu gering sind und somit die Wahrscheinlichkeit, in einem derartigen Netzwerk jemanden zu kennen relativ klein ist (Wen kenne ich da? Sind da meine Freunde?).

Beteiligung erhöht Akzeptanz für eine Kampagne oder Partei

Die Wissenschaftler Andrea Römmele und Henrik Schober kritisieren in ihrem Artikel „Zum Mitmachen auffordern! Der lahmende Internetwahlkampf“ die mangelnde Aktivierung und Mobilisierung im Onlinewahlkampf und führen das auf die fehlenden Partizipationsmöglichkeiten zurück. Römmele und Schober meinen außerdem:

„Die Bindekraft sozialen Engagements ist in der Sozialwissenschaft unstrittig, das Credo lautet: Wenn ich zu einem Projekt einen aktiven Beitrag leiste, dann steigt auch mein Interesse daran, dass das Projekt gelingt. (…) Eine bahnbrechende Studie aus den USA hat bereits in den 90er Jahren die drei wesentlichen Gründe ermittelt, aus denen sich die Menschen nicht politisch beteiligen: ‚because they can’t; because they don’t want; or because nobody asked‘ ”.

Nicht alle User sind am fundierten Dialog interessiert

Laut Sebastian Gievert von politik-digital.de wird der „große Durchbruch für den Web-Wahlkampf (..) von Experten jetzt für den nächsten Urnengang vorhergehofft, also auf 2013 verschoben“. Gievert räumt ein, dass die Parteien einige Fehler gemacht hätten, schränkt die von Experten postulierte „Schuld der Parteien“ aber ein, da seiner Ansicht nach auch viele User kein Interesse an einem Dialog gehabt hätten:

„(…) auch die Bürger und User haben, da wo sie es konnten, auf den interaktiven Angeboten der Parteien zu großen Teilen lediglich Frust abgelassen und sich über die ‚Internetausdrucker‘ lustig gemacht. Konstruktiver Dialog sieht anders aus – von beiden Seiten.“

Aber auch Gievert kommt eindeutig zu dem Befund: „Gefloppt sind hingegen die Unterstützernetzwerke der Parteien“.

Hauptsache im Netz – Beliebigkeit mit Einweg-Kommunikation

In einem Interview mit dem Goetheinstitut sagt netzpolitik.org Blogger Markus Beckedahl:

„Die Mitmachangebote aller Parteien sind recht langweilig, wirken bemüht und sehen fast alle gleich aus. (…) Irgendwann dachte ich mir, man müsste einen Vorhang runterlassen, einen Sprachverzerrer einschalten und das Publikum raten lassen, welche Partei gerade spricht. (…) Jeder wollte mal das Netz ausprobieren, Angebote zum Mitmachen schaffen und dabei irgendwie dialogorientiert vorgehen.“

Im gleichen Artikel pflichtet Patrick Brauckmann, Experte für Online-Communities, bei:

„Wie schon 2005 dient das Internet den Parteien noch immer nur als Informationsplattform. Sie versuchen, dem Netz ihre klassischen PR-Strategien überzustülpen, aber das funktioniert nicht. (…) Die gewohnte Einweg-Kommunikation der Parteien motiviert niemanden, sich politisch zu engagieren.“

Angst vor Kontrollverlust

Die Kampagnenmanager der Parteien verwendeten aus Angst vor Kontrollverlust vor allem Top-down Strategien und ließen kaum Möglichkeiten zur politischen Einflussnahme auf Inhalte und Entscheidungen der Kampagnen zu. Auch hier spielen die unterschiedlichen Wertorientierungen und Altersunterschiede zwischen politischem Führungspersonal, das im Schnitt 40 – 60 Jahre alt ist, und den Onlinern und politischen Onlinern, die in der Mehrheit zwischen 18 und 50 Jahre alt sind, eine große Rolle. Der Kampf Freiheit versus Sicherheit ist somit auch ein Machtkampf zwischen Generationen. Die Etablierten wollen den Status Quo, also die alten Macht- und Entscheidungsstrukturen erhalten, während die selbstbewusste, und meist junge Netzgemeinde neue Mitsprachemöglichkeiten zu wichtigen Themen eingeräumt haben möchte.

Das Internet könnte in der bundesrepublikanischen Parteiendemokratie langfristig etablierte Machtstrukturen aushebeln. Die größten Ängste der Parteispitzen dürften hier der Kontrollverlust auf die Listenaufstellung, sowie die Themenauswahl und damit verknüpfte politische Konzepte sein. Und auch die Angst, vom politischen Gegner unterwandert und torpediert zu werden, dürfte für die Parteistrategen ein Grund gewesen sein, den Communities nur sehr wenig Mitspracherechte einzuräumen. Für Blogger Uwe Alschner von „elfnullelf“ ist die „revolutionäre Kraft“ des Internets ein Trojaner, der das politische System und seine Akteure mittel- und langfristig in Bedrängnis bringen wird. Alschner schrieb in der Fachzeitschrift „politik & kommunikation“ (Ausgabe 8/09 vom Oktober 2009, S.34):

„Diese dynamische, aber schwer zu kontrollierende dezentrale Kraft des Internets ist es, die dem Partei-Establishment in Berlin die größten Bauchschmerzen bereitet. Es ist anstrengend, sich immer wieder mit organisierter Meinungsbildung aus Internet-Communities auseinanderzusetzen. Denn sie erwarten Mitwirkungsmöglichkeiten, die letztlich begabten, aber unbekannten Außenseitern zugute kommen könnten. Das Web 2.0 ist in Deutschland ein systembedrohender Trojaner. Und wird es vorerst weiter schwer haben. Aber aufhalten lässt es sich nicht!“

Ein Beispiel für die Angst vor Kontrollverlust im Onlinewahlkampf der SPD lieferte ein anonymer Wahlkampf-Mitarbeiter der Sozialdemokraten auf der Website des Wochenmagazins „Der Freitag“ mit den Artikeln „No we can´t“ und „Klick. Und weg“. In einem vernichtenden Urteil zum Onlinewahlkampf der SPD gibt der Autor zum Teil peinliche Details aus der Wahlkampfzentrale der SPD preis und erläutert, dass alle wichtigen Entscheidungen und Aktionen zum Schluss über den Schreibtisch von Wahlkampfleiter Kajo Wasserhövel gehen mussten, obwohl es angesichts der Vielfalt und Kommunikationsdynamik im Web faktisch unmöglich ist, als einzelne Person alles im Überblick zu haben.

Dieser Text ist im Rahmen meiner Master-Arbeit “Der dialogorientierte Online-Wahlkampf zur Bundestagswahl 2009″ entstanden.