Mehrwert für den User

Damit ein politischer Dialog zustande kommen kann, müssen die Wahlkämpfer die technischen, strukturellen und inhaltlichen Voraussetzungen anbieten, damit Anhänger, Sympathisanten und Führungsebene miteinander interagieren und kommunizieren können. Bei externen Plattformen wie studiVZ, YouTube oder facebook können Parteien auf bestehende Funktionalitäten und eine große Zahl von Usern zurückgreifen. Bei eigenen Plattformen müssen die Dialog-Bedingungen aber erst noch geschaffen werden. Doch damit die Wähler in den Dialog treten und im besten Falle die wahlkämpfende Partei wählen und sich aktiv in den Wahlkampf einbinden lassen, muss die Partei zwei Bedingungen erfüllen: Erstens für die Nutzung ihrer Dialogangebote werben und zweitens einen lohnenswerten Mehrwert für die Wähler bieten, damit diese einen Anreiz haben, am Dialog teilzunehmen. Gerade die Etablierung einer eigenen Parteicommunity ist daher mit einigen Problemen behaftet. Die Wahlkämpfer müssen nicht nur große und oft teure Werbeanstrengungen aufbringen, sondern die potenziellen Nutzer durch gute Angebote dazu bringen, sich in einem parteipolitischen Netzwerk anzumelden und ihre E-Mail-Adresse beziehungsweise detaillierte Kontaktinformationen einer politischen Partei anzuvertrauen. Der Dialog steht und fällt mit dem Angebot der Wahlkämpfer an die User, aber vor allem mit der Bereitschaft der User, das Angebot glaubwürdig zu finden und es letztlich wahrzunehmen.

Motive der User in Communities

Bevor die Nutzung von dialogischen Instrumenten allgemein und der Aufbau einer eigenen Parteicommunity im Besonderen erfolgen kann, ist es notwendig, Ziele zu definieren und dabei die Bedürfnisse und Motive der Benutzer genau zu kennen, um daraus bedarfsgerechte Angebote abzuleiten. Die Community-Experten Frank Mühlenbeck und Klemens Skibicki stellen hierbei den Leitsatz „Community vor Kommerz!“ auf und identifizieren vier Grundvoraussetzungen für eine erfolgreiche Online-Community: (1) „Nutzenstiftung“, (2) „Erreichen der kritischen Masse“, (3) „funktionierender technischer Rahmen“ und (4) ein „ausreichendes Community-Leben“.1 Mühlenbeck und Skibicki beschreiben außerdem die menschlichen Motive, die für die Anmeldung und Aktivität in einer Online-Community wichtig sind und führen sie im Wesentlichen auf die Bedürfnishierarchie des amerikanischen Psychologen Abraham Maslow zurück:2

1.Basismotiv: soziale Anerkennung und Wahrnehmung („Geliebt werden“)
2.Selbstdarstellung
3.Informationssuche und -abgabe
4.Kommunikation und die
besondere Rolle des Flirten
5.Austausch von immateriellen
und materiellen Gütern
6.Dazugehörigkeit
7.Soziale Orientierung und Prestige
8.Gemeinsame Aktivität
9.Anonymität

Politische Parteien haben gesellschaftsprägende Absichten. Im Vergleich zu anderen Communities ist die Aktivität in einem politischen Netzwerk daher im besonderen Maße von den Werteorientierungen, dem sozialen Status und der Meinung eines Menschen abhängig. Somit verringert sich die Anzahl potenzieller User für einzelne Parteicommunities erheblich.

Nach der im Artikel „Internetnutzer und politische Kommunikation“ vorgestellten Nutzertypologie gehören gerade jüngere und hoch gebildete Menschen zu den Onlinern und politischen Onlinern. Die soziodemografischen Merkmale der politischen Onliner entsprechen weitestgehend den Zusammensetzungen der politischen Jugendorganisationen. Neben ungebundenen politischen Onlinern müssten also vor allem die Mitglieder des Parteinachwuchses im Zentrum der Online-Aktivitäten der Wahlkämpfer stehen.
Bei der weiteren Planung ist auch die 90-9-1-Regel des dänischen Usability-Experten Jakob Nielsen zu berücksichtigen. Nach dieser im Jahr 2006 formulierten Regel, verhalten sich rund 90% der Community-Nutzer passiv; sprich sie lesen, sehen und hören, was andere User einstellen, werden aber selbst nicht oder nur extrem selten aktiv. Rund 9% der Benutzer sind gelegentlich aktiv und nur 1% der User sind für die meisten Beiträge und Aktivitäten verantwortlich. Relativierend muss erwähnt werden, dass sich durch den starken Boom der Social Networks, dieses Verhältnis je nach Community verschoben haben müsste. Hinweise dazu werden auch von der Online-Forschung bestätigt. Fraglich bleibt an dieser Stelle, ob es in politischen Communities abweichend von Nielsens Regel generell mehr passive oder mehr aktive User gibt.

Dieser Text ist im Rahmen meiner Master-Arbeit “Der dialogorientierte Online-Wahlkampf zur Bundestagswahl 2009″ entstanden.

1 Mühlenbeck, Frank u. Skibicki, Klemens (2008): Community Marketing Management – Wie man Online Communities im Internet-Zeitalter des Web 2.0 zum Erfolg führt. Norderstedt: Books on Demand, S. 31.

2 Auflistung zitiert nach Mühlenbeck / Skibicki (2008): 46 – 62