Die Gesellschaft hat sich in den letzten 20 bis 30 Jahren fundamentaler und schneller verändert, als in ähnlichen Zeiträumen zuvor. Die Transformation von einer Industriegesellschaft hin zu einer „Wissensgesellschaft“ ist in vollem Gange. Die Auswirkungen des gesellschaftlichen Wandels sind enorm und machen vor der Politik und ihren Akteuren nicht Halt. Zu Beginn der Demokratisierung der westlichen Welt waren vor allem Religionen die „Leidtragenden“. Sie verloren massiv an Einfluss und Macht und somit auch an praktizierenden Mitgliedern. Denn säkularisierte Staaten, die sich eine Gesellschaftsordnung basierend auf Grundrechten gegeben haben, benötigten den spirituellen Überbau von Religionen nicht (mehr in diesem Ausmaß). Die Ideologien verdrängten nach und nach die Religionen, standen im missionarischen Eifer ihrer Anhänger den Kirchen und Gotteshäusern aber in nichts nach. Der Politikwissenschaftler Franz Walter bringt es in seinem Buch „Baustelle Deutschland“ klar auf den Punkt:

„Eineinhalb Jahrhunderte lang existierten in Politik und Gesellschaft feste und scharf konturierte Lager, durchdrungen von Weltanschauungen, religiösen Bekenntnissen oder vom Gefühl der Zugehörigkeit zu einer sozialen Klasse.“

Bindekraft der politischen Ideologien schwindet

Doch seit einigen Jahren verlieren auch die großen Ideologien „Liberalismus, Konservativismus, Sozialismus/Kommunismus“ ihre gesellschaftliche und politische Bindekraft. Die zunehmende „Entideologisierung“ bedeutet auch eine Entkernung der ideologisch aufgeladenen Parteien. Somit pflanzt sich der Verlust von politischer Bindekraft auf die Parteien fort. Die klassischen gesellschaftlichen Konfliktlinien autoritär vs. liberal, religiös vs. säkular, rechts-materialistisch vs. links-materialistisch und materiell vs. postmateriell weichen stetig auf und werden zunehmend durchlässiger.1 Eine politische Einteilung in das Links–Mitte–Rechts-Schema ist aufgrund der Anzahl und der unterschiedlichen Ausprägungen verschiedener Grundwerte viel zu eindimensional, auch wenn diese Einteilung immer noch geläufig ist. Der steigende gesellschaftliche Wohlstand bei gleichzeitig steigender Armut, der Ausbau des Wohlfahrtsstaates bei gleichzeitiger Forderung nach mehr Eigenverantwortung, die Bildungsexpansion bei gleichzeitig steigender „Verdummung“ mancher Schichten, und der technologische Fortschritt, dem nicht alle Schritt halten können und wollen, zeigen, welche gravierenden Veränderungen im sozialen Gefüge der Gesellschaft stattgefunden haben und welche Ungleichheiten vorhanden sind.t

Die Individualgesellschaft als Risiko

Die Gründe für diese Entwicklungen sind vielfältig und komplex. In seinem 1986 erstmals erschienenen Werk „Risikogesellschaft“ beschreibt der Soziologe Ulrich Beck ausführlich, wie die Differenzierung der Arbeitswelt bei gleichzeitiger Differenzierung und Expansion der Freizeit- und Konsummöglichkeiten zu einer Multi-Options-Gesellschaft führen, in der das Individuum und dessen Streben nach Selbstverwirklichung im Mittelpunkt steht. Die Geselligkeit der Klassen wird vermehrt als Korsett empfunden, das die Freiheit und Selbstverwirklichung einengt. Da die Möglichkeiten zur Entfaltung des Einzelnen, laut Beck, gestiegen sind und sämtliche Optionen einer Kosten-Nutzen-Rechnung unterzogen werden, verlassen viele Menschen ihre Schichten, weil sie zum dem Schluss kommen, dass der (individuelle) Nutzen die Kosten (der Gruppe den Rücken zu kehren) übersteigt.

Doch abschließend kommt Beck zu dem Schluss, dass die Auflösung der Klassen hin zu selbst bestimmten Individuen ohne ausgeprägte Klassenbindungen Gewinner und Verlierer hervorbringt. Gewinner sind vor allem die Menschen, die das Primat der Selbstverwirklichung in der Praxis umsetzen und den Einschränkungen ihrer Klasse entfliehen konnten. Bei den Verlierern führt die Individualisierung im schlimmsten Fall aber nicht zu persönlicher Entfaltung, sondern zu Vereinsamung und sozialer Isolierung. Das soziale Sicherheitsnetz der Klassen löst sich mit ihnen auf und hinterlässt „Systemversager“, die sich aus eigener Kraft nur schwer aus ihrer Lage befreien können.
Beschleunigende Faktoren für die beschriebenen Prozesse sind vor allem die wirtschaftlichen Anpassungsleistungen der letzten Jahre. Die modernen Arbeitnehmer müssen mobil und flexibel sein, müssen jederzeit damit rechnen, an einem anderen Ort für andere Aufgaben eingesetzt zu werden. Gleichzeitig ängstigt sie der Verlust des Arbeitsplatzes durch Fehlleistungen des Unternehmens, Rationalisierung, Konkurrenzdruck und Krankheit. Weitere verstärkende Faktoren sind die zunehmenden Probleme bei der Integration von Migranten, die Auflösung klassischer Rollen-Verständnisse wie zum Beispiel zwischen Frau und Mann, die demografische Entwicklung, die Flucht in die „Realität“ der Massenmedien aber auch die Reduktion ehrenamtlichen Engagements.

Die oben genannten Bedingungen führen in ihrer Gesamtheit zu einer größeren Distanz zwischen den Individuen. Das heißt, der kleinste gemeinsame Nenner an Grundwerten, die das Fundament der Gesellschaft und die Basis für gesellschaftliche Klassen bilden, wird immer kleiner. Das bedeutet aber auch, dass die Interessen durch den Individualisierungsprozess immer heterogener und differenzierter werden und es für die Parteien schwerer ist, möglichst viele politisch einzubinden. Dies zeigt sich auch an der Zersplitterung des deutschen Parteiensystems.

Dieser Text ist im Rahmen meiner Master-Arbeit „Der dialogorientierte Online-Wahlkampf zur Bundestagswahl 2009“ entstanden.

1  Zum Beispiel stieg der Anteil von Postmaterialisten zwischen 1970 und 1999 von rund 10 auf 15 Prozent. Der Anteil der Materialisten sank von 40 auf 20 Prozent. Die Mischtypen stiegen von 15 auf 60 Prozent. Vgl. Falter, Jürgen W. und Schoen, Harald (Hrsg.) (2005): Handbuch Wahlforschung. Wiesbaden: VS Verlag. S. 423 – 445.