Stellt Dir vor, ein Selbständiger macht freiwillig seinen Laden mitten in einer großen Einkaufsmeile dicht und wandelt ihn für zwei oder drei Wochen in eine Mini-Wahlkampfzentrale um. In Deutschland undenkbar – in Istanbul durchaus möglich. Im Rahmen eines zweiwöchigen Urlaubs Anfang März 2009 in der türkischen Metropole Istanbul hatte ich die Möglichkeit mir „Wahlkampf auf Türkisch“ anzuschauen und war sehr überrascht über Methoden, Werbemittel und Engagement von Parteimitgliedern. Hier schon mal ein erster Überblick meiner Eindrücke:

  1. Es ist eigentlich unmöglich sich der Wahlwerbung zu entziehen (groß, breit, viel)
  2. Die Parteien machen wirklich eine Materialschlacht
  3. Die Werbung ist viel aufdringlicher (Auto-Lautsprecher durchsagen mit lauter Musik und Wahlparolen)
  4. Die türkischen Parteileute opfern viel Freizeit und stellen sogar Geschäftsräume für den Wahlkampf zur Verfügung
  5. Die Werbung ist qualitativ sehr hochwertig (Haptik, Aufmachung etc.)
  6. Der Wahlkampf und die Wahl sind viel emotionaler
  7. Es kandidieren sehr viele promovierte Akademiker (zumindest in Istanbul)

Ergebnisse und Hintergründe zur Kommunalwahl

Die Kommunalwahlen in der Türkei fanden am 29. März 2009 statt. Die islamisch-konservative Partei AKP von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan gewann landesweit die Wahlen mit rund 39 % der Stimmen. Zweiter wurde die Republikanische Volkspartei CHP mit rund 20 % der Stimmen. Danach kamen die Nationalisten MHP mit circa 17 %. In den kurdischen Hochburgen gewann die kurdische Partei DTP zum Teil deutlich mit bis zu zwei Drittel der abgegebenen Stimmen.  Auch wenn die Partei Erdogans als Sieger aus der Wahl hervorging, verlor sie gegenüber den Parlamentswahlen 2007, bei der sie noch 46 % der Stimmen erhielt. Nach der Wahl gab es sogar Ausschreitungen mit vielen Verletzten und einigen Toten.

Impressionen zum Wahlkampf in Istanbul

Die türkische Parteien setzen in der Straßenkommunikation vor allem auf Girlanden-artige Werbung. Das klassische Plakat wie es in Deutschland als Hauptwerbemittel genutzt wird, findet sich hier sehr selten. Wie auf den Bilder zu sehen ist, werden die Girlanden zwischen Häusern, Laternen, Straßenschildern und anderen Erhöhungen gespannt – und das Ganze wirklich flächendeckend und massiv. In den Himmel zu schauen ohne dabei parteipolitische Werbung zu sehen war quasi unmöglich. Der Aufwand, diese Girlanden auf- und wieder abzuhängen muss enorm sein. Da die Girlanden aber in der Regel nur die Parteilogos beinhalten, könnten sie theoretisch mehrfach verwendet werden, was wiederrum Kosten spart.
Interessant waren auch die Wahlkampfbusse. Aber nur beklebte Busse wären ja langweilig gewesen, also montierten die Wahlkämpfer große Lautsprecher auf dem Dach des Busses und beschallten mit ohrenbetäubendem Lärm die ganze Stadt mit ihren Wahlslogans. Die Lautsprecher waren wirklich derart laut, dass man sich in unmittelbarer Nähe die Ohren zuhalten musste. Im Bus saßen mindestens zwei Mitarbeiter, einer fuhr den Bus, der andere bediente die Lautsprecheranlage oder machte Durchsagen. Und wenn gerade mal keine Parolen durch die Boxen dröhnten, erklang türkische Volksmusik.

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Eine ganz normale Straße in Istanbul. Alles hängt voll mit Wahlwerbung.

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Girlanden über einer Tunneleinfahrt, hier von der nationalistischen Partei MHP.

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Auch in dieser Straße kann man fast den Himmel nicht mehr sehen 😉 Wahlwerbung soweit das Auge reicht. Die Türken wissen wie man Aufmerksamkeit erzeugt. Allerdings besteht auch die Möglichkeit der "Girlanden-Blindness" ähnlich wie die Banner-Blindness im Internet.

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So sieht das Ganze dann bei Nacht aus. Die Aufnahme ist ein wenig unscharf, aber auch hier erkennt man die massive Wahlwerbung bis weit zum Straßenende hin.

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Zwei Bezirksfürsten der AKP laufen durch eine Shoppings-Straße (für Einheimische) und verteilen Rosen an alle vorbeikommenden Menschen. Hinter ihnen ein Pulk von etwa 60 - 70 AKP Anhängern.

Parteipolitisches Engagement in Istanbul

Besonders bemerkenswert ist das parteipolitische Engagement der Türken. Wie eingangs bereits erwähnt, stellte ein CHP-Mitglied einen seiner zwei Läden an einer prominenten und sehr gut besuchten Shopping-Meile mitten am Bosporus für mehrere Wochen als Mini-Wahlkampfzentrale zur Verfügung. Auf Nachfrage wurde mir mitgeteilt, dass der Besitzer des Ladens auch keine Miete von der Partei verlangte. Auch die Mitarbeiter, die den ganzen Tag dort stehen und Wahlkampf machen, Leute anhalten und Flyer verteilen, arbeiten komplett ehrenamtlich. Die Frau, die man im zweiten Bild sieht, hat sich sogar eine Woche Urlaub genommen, um für ihre Partei Wahlkampf zu machen. Laut ihren Aussagen haben die Parteimitglieder einen Plan ausgearbeitet, sodass über die gesamte heiße Wahlkampfphase immer zwei bis drei Wahlkämpfer anwesend sind. In Deutschland ist solch ein starkes Engagement von einzelnen Personen auf ehrenamtlicher Basis so gut wie ausgeschlossen. Die deutschen Parteien sind froh, wenn die Mitglieder überhaupt Flyer in die Briefkästen werfen, zwei bis drei Stunden Infostand machen und Plakate kleben.

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So sah die Mini-Wahlkampfzentrale der CHP von aussen aus.

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Die Mini-Wahlkampfzentrale der CHP von innen. Die Mitarbeiter hier arbeiten den ganzen Tag ehrenamtlich! Auf rund 20 - 25 m² finden sich Plakate, reichlich Infomaterial, ein Flatscreen mit Parteispots und natürlich die obligatorischen Plakate von Atatürk. Die CHP - deren Anhänger auch als Kemalisten bezeichnet werden - wurde von Mustafa Kemal Atatürk gegründet und steht in der Tradition sozialdemokratischer Parteien.

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Materialschlacht pur: Sehr beeindruckend war die schiere Flut von Infomaterialien zu fast jedem relevanten Thema und man bedenke: das hier war Kommunalwahlkampf! Interessierte Bürger konnten sich auch eine CD mit einem HipHop-Song mitnehmen, der eigens für die CHP komponiert wurde. Die CD war vor allem für die jüngeren Zielgruppen gedacht. In Deutschland hat man in einem Kommunalwahlkampf vielleicht zwei oder drei Broschüren. Allerdings stellt sich natürlich auch in der Türkei die Frage wie stark die Materialien von Bürgern wirklich genutzt werden.

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Hat zwar nichts mit dem Wahlkampf zu tun, aber dennoch interessant: Eine türkische Bank warb mit dem Konterfei des amerikanischen Präsidenten Barack Obama.

Wahlkampf Fazit

Die Türken haben eine andere Art Wahlkampf zu führen. Die grössten Unterschiede zu deutschen Wahlkämpfen sind die Girlanden, als besondere Form der Aussenkommunikation, die Aufdringlichkeit mit der Botschaften abgesetzt werden, die grosse Masse an Material und das hohe ehrenamtliche Engagement der Wahlkämpfer. Auffällig ist an dieser Stelle auch die Ordnungsliebe der Deutschen. In der Türkei ist es mehr oder weniger egal wie und wo die Girlanden hängen. Auch Aufkleber an Laternen, Straßenschildern und sonstigen öffentlichen „Gegenständen“ kleben dort, ohne dass es irgendwen sonderlich interessiert. In Deutschland dagegen gibt es in fast alle Kommunen exakte Auflagen, wie, wo und wann Plakate von Parteien aufzustellen sind. Die türkischen Behörden tangiert das herzlich wenig, hier gilt eher das Prinzip „Girlanden hängen und hängen lassen“.

Links zum Thema:
http://www.tagesschau.de/ausland/tuerkei242.html
http://www.welt.de/politik/article3469336/Erdogans-Partei-AKP-siegt-bei-Kommunalwahlen.html