Am Donnerstag (25.6.09) abend um 18.30 fand eine interessante Diskussion über Politkverdrossenheit in der Jugend statt. Gastgeber war das Deutsch-Amerikanische Institut in Heidelberg. Unter dem Motto „Get involved – Die Jugend, Obama und das Wort“ diskutierten schätzungsweise 200 Anwesende, darunter sehr viele junge Leute, mit Experten aus Politik und Medien. Zu Gast waren Gerhard Delling von der ARD, Julius van de Laar (Wahlkampfstratege für die SPD), Dr. Noah Bubenhofer von der Universität Zürich, Dr. Dominik Hierlemann von der Bertelsmann Stiftung, MC Torch (deutscher Rapper), Rhetorik-Coach Stefan Gössler, Thorsten Schäfer-Gümbel von der hessischen SPD und moderiert wurde die Veranstaltung von MTV-Moderator Patrice.

Hier der Trailer zur Veranstaltung:

Die Veranstaltung war ingesamt sehr gut. An der einen oder anderen Stelle hätte ich mir zwar etwas mehr Tiefgang und auch differenziertere Beiträge gewünscht, aber bei großen Diskussionen ist das immer etwas schwierig. Stefan Gössler – Rhetorik-Profi aus Österreich und Buchautor über Barack Obamas Rhetorik – führte mit Witz in die Veranstaltung ein.  Er stellte kurz einige Rhetorik-Muster vor und erläutertet, was Framing ist und wie es im amerikanischen Wahlkampf eingesetzt wurde. Als Beispiel nannte er die fehlende politische Erfahrung Barack Obamas im Vergleich zu seinem Herausforderer John McCain. Mittels Framing münzte Obama die lange Erfahrung McCains um in „Tatenlosigkeit“ – so entstand der Eindruck, dass McCain zwar länger im Geschäft ist, somit aber auch für die politische Lage des Landes mit verantwortlich sei.

Nachdem sich dann alle „Stargäste“ vorgestellt hatten, begann die Diskussion zunächst sehr schleppend. Einige ältere Zuhörer – jenseits der 40 – stellten an die Gäste zum Teil Fragen, die nicht wirklich was mit dem Thema – Jugend und Politikverdrossenheit –  zu tun hatten. So ging es dann auch mehr oder weniger den ganzen Abend weiter. Mehrfach schweifte die Diskussion ab – was für die Veranstaltung aber keineswegs schlecht war. Im Gegenteil: Als dann die jungen Leute im Saal auftauten und begannen, Fragen zu stellen, merkte man anhand der Wortbeiträge und Fragen sehr schnell, dass Jugendliche nicht per se politisch desinteressiert oder desillusioniert sind. Nach und nach kristallisierten sich genau die Punkte heraus, die des öfteren in der öffentlichen und wissenschaftlichen Debatte im Bezug auf Politikverdrossenheit genannt werden – mehr Partizipation und vor allem neue Formen der Beteiligung, bessere Kommunikation und mehr Transparenz. Außerdem zeigte diese Veranstaltung auch die Probleme mit dem irreführenden Begriff „Politikverdrossenheit“. Denn richtiger wäre wohl der Begriff PolitikER- und Parteienverdrossenheit.

Eine systematische Analyse, weshalb sich die Jugend hierzulande für Politik nicht so begeistern lässt, blieb leider aus. Insgesamt brachte die Diskussion aber sehr gute Eindrücke über die derzeitige Gefühlslage und die Wünsche vieler Jugendlicher. Während der Veranstaltung habe ich mir natürlich Gedanken zu der Problematik gemacht und sie zusammengefasst. Hier eine nicht abgeschlossene Liste, warum es aus meiner Sicht in Deutschland nicht so gut gelingt, junge Menschen für Politik und politisches Engangement zu begeistern, wie es Obama in den USA gelungen ist:

  • Botschaft(en) von Obama trafen den Nerv der Zeit in den USA (Change)
    • Präsident Bush war extrem unbeliebt
    • Das Ansehen der USA in der Welt schwindete zunehmend
    • Der Kampf gegen den Terror verlor massiven Rückhalt in der amerikanischen Bevölkerung
    • Die Immobilienkrise weitete sich sehr schnell zu einer globalen Finanz- und Wirtschaftskrise aus
  • Obama war bzw. ist ein außergewöhnlicher Kandidat bzw. jetzt Präsident
    • Großes Charisma, begnadeter Redner
    • Erster schwarzer Präsidentschaftskandidat
    • Er kam rüber wie „einer von uns“ der „für uns“ handelt
  • Anderes politisches System
    • Die deutsche „Funktionärsdemokratie“ ist nicht mit der „Verkaufs-Demokratie“ der USA vergleichbar. US-amerikanische Kandidaten werden darauf getrimmt, sich zu verkaufen, überall an jedem Ort. Der deutsche Parteienfunktionär muss sich weniger verkaufen, sondern mehr Seilschaften haben, um Kandidat zu werden. Die Kandidatenauswahl in den USA ist demokratischer und unabhängiger von Parteigremien als in Deutschland
    • Deutsche Parteien sind (noch) nicht bereit sich zu öffnen und/oder Kontrolle und Macht an die Bürger abzugeben
    • Das amerikanische Zwei-Parteiensystem ist übersichtlicher als das deutsche Mehrparteiensystem
    • Wer in Deutschland politisch Karriere machen will, muss faktisch die Ochsentour durch die Parteien durchmachen. Die Ochsentour stumpft meistens sehr ab und nimmt den Politikern den Glanz
    • Wenig charismatische Führungsfiguren, die rhetorisch gewandt sind (weder Merkel noch Steinmeier sind für rhetorische Feuerwerke bekannt)
  • Zum Teil falsche Zielgruppenansprache, d.h. junge Menschen sind nicht oder selten Adressaten
  • Unzureichende politische Sozialisation in den Schulen und im Elternhaus
  • Unzureichendes Verständnis von Politik. Beispiel: Die streiten sich immer! Allerdings: Streit gehört in der Demokratie dazu und beweist Meinungspluralismus
  • Vergleichsweise höherer Wohlstand in der gesamten Gesellschaft oder anders ausgedrückt: die Kluft zwischen Arm und Reich ist in Deutschland nicht so extrem, wie in den USA. Dadurch ergibt sich keine so „hohe Notwendigkeit“ politisch aktiv zu werden
  • zunehmende Individualisierung des Lebens
  • Politische Aktivitäten an anderer Stelle (NGO, Verein etc.)
  • Andere Eigenschaften. Klar gibt es nicht den tpyischen Deutschen. Aber manche Eigenschaften werden als typisch deutsch definiert. Eigenschaften, die dafür sorgen könnten, dass Deutsche nicht so begeisterungsfähig für Politik sind: distanziert, rational, tendenziell pessimistisch
  • Anderes Mediensystem
  • und nicht zuletzt auch: chronisches schlecht reden unseres Landes. Ständig neue Reformen – Angst, den Wohlstand nicht halten zu können, Angst vor dem Zusammenbruch der Sozialsysteme, Angst vor der Zukunft. Die Amerikaner sind da allgemein optimistischer als die Deutschen

Bleibt zu hoffen, dass die Parteien in Deutschland in Zukunft die Rahmenbedingungen schaffen, um den Jugendlichen auch außerhalb der herkömmlichen Wege Möglichkeiten zu geben, sich in den politischen Prozess zu integrieren. Das Internet bietet hier zwar hervorragende Möglichkeiten – und Obama wusste auch, wie man diese nutzt – jedoch begreifen die Parteien in Deutschland – trotz der Obama-Kampagne – nicht wirklich, dass das Internet nicht nur ein zusätzliches Kommunikationsinstrument zur Verlautbarung von Parteiansichten ist, sondern vor allem durch Communitys und „echte“ Mitmach-Funktionen lebt. Doch ob die Parteien bereit sind, hierfür einen Teil der politischen Kontrolle und Macht abzugeben bleibt zum gegenwärtigen Zeitpunkt fraglich…

Links: http://www.dai-heidelberg.de/